Färben des Byssus

Gereinigter, gekämmter Faserbart der Pinna nobilis vor dem Abschneiden des Fussrestes
Gereinigter, gekämmter Faserbart der Pinna nobilis vor dem Abschneiden des Fussrestes
Die natürliche Farbe des gereinigten und gekämmten Faserbarts der Pinna nobilis variiert, vermutlich je nach Standort, evtl. auch nach Alter der Muschel, von bronze- oder kupferfarben, goldgelb, braun, olivengrün bis schwarz. Als «schielenden Glanze, den kein Färber so nachfärben kann, sie noch übertreffen» – so beschreibt es Chemnitz 1777. «Ein schönes gelbbraunes Gewebe, welches dem glänzenden Golde auf dem Rücken einiger Fliegen und Käfer ähnlich siehet», nennt es Swinburne 1785.

Lässt sich Muschelseide färben? Wurde Muschelseide je gefärbt? Beide Fragen werden in der Literatur kontrovers diskutiert. Tatsache ist, dass bis heute keine gefärbten Objekte gefunden wurden. Überwiegend herrscht jedoch die Meinung, dass die Muschelseide wegen ihres natürlichen Farbtons gesucht war, woraus geschlossen werden kann, dass üblicherweise keine Färbversuche vorgenommen wurden.


Der Krünitz von 1805 bestätigt dies im Beitrag über die Muschelseideverarbeitung: «... dabey es nicht erst, wie bey andern Seidenmanufacturen, kostbarer Färbereyen bedarf, weil mann diese Muschelseide ihre braune, olivengrüne, ins goldgelbe fallende glänzende unnachahmliche Farbe behalten lässet». Dies gilt offensichtlich auch später noch, wie Heinzelmann 1852 für Sardinien bezeugt: «Der Vortheil bei diesem Zeug, Guacara genannt, ist, dass man nicht erst, wie bei der Seide, kostbare Färbereien bedarf.»




Colore del bisso dopo il bagno in acido citrico. Mastrocinque 1928
Colore del bisso dopo il bagno in acido citrico. Mastrocinque 1928
Aufhellen mit Zitronensäure

Wichtig ist, dass zwischen dem Aufhellen der Faser und dem Färben mit Farbstoffen oder Pigmenten unterschieden wird. Unbestritten ist, dass ein Bad in Zitronensaft bzw. Zitronensäure sowie das Auftragen von Zitronensaft auf die Fasern, das Garn bzw. das fertige Objekt ein Aufhellen bewirkt: «Ist nun die Arbeit fertig, so wäscht man sie, bestreicht sie mit Limoniensaft, läßt sie im Schatten trocknen, und fährt mit einem heißen Eisen darüber hin, wobei man aber ein Blatt weißes Papier dazwischen legt, damit die Wolle nicht durch die Rauheit des Eisens verletzt werde.» (Capecelatro, in von der Recke 1815)
Andere sind überzeugt, dass sich Muschelseide färben lässt. «Ai fiocchi ed alle stoffe puo essere dato pure il colore porpora, e qualsiasi altra tinta, essi conservano sempre la lucentezza serica.» schreibt del Bene 1936 in ihrem Bericht Procedimento per le fabbricazzione di tessuti mediante la utillizzazione dei filamenti fibrosi della Pinna nobilis. Sie wird später in Tarent eine Mädchenschule für die Verarbeitung der Muschelseide gründen und deren ‚Industrialisierung’ vorantreiben.


Färbversuche an Byssusfasern.  EMPA St. Gallen 2010.  Erklärung dazu in der pdf-Datei FärbenEMPA-2010.
Färbversuche an Byssusfasern.
EMPA St. Gallen 2010.
Erklärung dazu in der pdf-Datei FärbenEMPA-2010.


In einem weiteren Bericht von 1939 finden sich verschiedene entfärbte und gefärbte Muster von Muschelseide (Strippoli 2005). Aus diesem Artikel geht nicht hervor, welche Färbemittel dazu verwendet wurden. Sie gleichen jedoch verblüffend den Färbversuchen, welche 2010 die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA in St.Gallen durchgeführt hat. Diese Färbversuche erfolgten mit modernen chemischen Farben.

FärbenEMPA-2010 (pdf, 738.6 KB)


Ungefärbte (rechts) und mit Purpur gefärbte (links) Byssusfasern. Boesken Kanold 2010
Ungefärbte (rechts) und mit Purpur gefärbte (links) Byssusfasern.
Boesken Kanold 2010
Färben und Bemalen mit Purpur

Inge Boesken Kanold
versuchte das Färben mit Purpur sowie das Auftragen von Purpurpigmenten auf Muschelseide. Die Resultate sind nicht überzeugend: Beim Färben wird der Farbton der Muschelseide nur leicht dunkler, das Auftragen von Pigmenten zeigt ein äusserst unbefriedigendes Resultat. Dies verwundert nicht, da auch frühere Versuche in Sant’Antìoco gescheitert waren. Italo Diana versuchte, Muschelseide mit Purpur (aus Schnecken der Gattung Muricidae) oder mit pflanzlichen Stoffen zu färben. Beides schlug jedoch fehl: «Italo Diana tentò anche la tintura del bisso con la porpora ricavata dal murice ma non riuscì nell'intento; fallirono pure gli esperimenti di tintura mediante essenze vegetali.» (Carta-Mantiglia 2004)
BoeskenHaubrichs2008 (pdf, 122.8 KB)


Dazu ein neuer Aspekt: De Castro schreibt in seiner Tesi di laurea von 1967/68 Aspetti e problemi dello sviluppo economico di Brindisi dal 1861 al 1881, dass früher – welchen Zeitraum er genau meint, ist unklar - irrtümlicherweise für die Bezeichnung industria del ‚bisso’ auch industria della ‚porpora’ verwendet wurde: «In passato l'industria del ‚bisso’ o ‚porpora’, come erroneamente si chiamava da altri, era una delle principali della Provincia». Könnte hier ein Grund für die These liegen, dass Muschelseide mit Purpur gefärbt wurde, wie Luciana Basciu in ihrem Artikel Porpora e Bisso nell'antichità vertritt? «Tornando alla porpora si può ragionevolmente ipotizzare che il termine "porpora di Tiro" si riferisse unicamente al bisso tinto con il gasteropode Thais (sin. Purpura) haemastoma, e quindi di costo giustamente folle. Il bisso, che esiste ancora, non è un "lino sottile", come riportato in tutti i testi, ma una specie di seta ottenuta trattando i filamenti con cui i molluschi lamellibranchi delle specie Pinna nobilis e pinna regalis si ancorano al fondo.» Es stellt sich die Frage, weshalb die goldene Muschelseide mit kostbarem Purpur hätte gefärbt werden sollen, wenn das Resultat bloss ein leicht dunklerer Ton war.