Wunderkammern und Naturaliensammlungen

Das Museum des Ferrante Imperato, Historia Naturale, Neapel 1599. Quelle
Das Museum des Ferrante Imperato, Historia Naturale, Neapel 1599. Quelle

Kuriositäten-, Kunst- und Naturalienkabinette, Raritäten- und Wunderkammern sind aus der Wissenschaftsgeschichte nicht wegzudenken, bilden deren Sammlungen doch die Basis fast aller heutigen Museen Europas (Fontes da Costa 2002). Dies gilt speziell auch für die naturhistorischen Museen. Exotische Muscheln sind früh Handels- und beliebte Sammelobjekte, in den Niederlanden, in Deutschland, Frankreich, Dänemark, England und Italien. Muschel- und Schneckenschalen – als Conchilien zusammengefasst – fehlen in kaum einer Sammlung.


Nicht nur Naturalien werden aufbewahrt und präsentiert, sondern auch daraus hergestellte Produkte. So findet – neben Korallen, Perlen und weiteren Meeresprodukten – mit der Steckmuschel deren Faserbart und später auch Objekte aus Muschelseide Eingang in naturkundliche Sammlungen. Den ältesten Hinweis dafür gibt der Engländer John Evelyn (1620-1706), dessen Tagebuch auch eine Reise durch Italien beschreibt. Am 4. Februar 1645 besucht er in Neapel das Museum des Apothekers und Naturforschers Ferrante Imperato (1550-1625). Dieses Theater der Natur, wie er es nennt, ist ein grosser Anziehungspunkt für gebildete Reisende. Evelyn schreibt: «Among the natural herbals most remarkable was the Byssus marina and Pinna marina.» (Bray 1901) Zu fragen wäre, weshalb hier der Byssus unter den Pflanzen erscheint.

1649 finden wir den ersten Hinweis in Frankreich. Zum Kabinett eines Arztes in Castre, im Languedoc, gehören eine Pinna und ihr Byssus, «un peu de la soye de mer, qu'elle porte» (Borel 1649).


Ausschnitt aus dem Museo Cospiano in Bologna. Quelle
Ausschnitt aus dem Museo Cospiano in Bologna. Quelle
Der italienische Edelmann Ferdinando Cospi (1606-1686) ist Besitzer eines Kabinetts in Bologna. Auf einem Kupferstich sehen wir Schalen der Steckmuschel auf dem Unterbau des Ausstellungsmöbels. Im Katalog dazu ist auch der Byssus der Steckmuscheln erwähnt als «Wolle der Steckmuschel», welche «die feinste Seide imitiere» (Legati 1677).

Aus all diesen Beispielen geht hervor, dass die Besitzer nicht nur die Muschel, sondern auch den Byssus als sammelwürdig betrachteten. Wussten sie aber auch schon von der Verarbeitung des Byssus zu Muschelseide und deren Verwendung als Textilmaterial?


Im 18. Jahrhundert ist diese Frage geklärt, und wir finden auch gleich die erste Verwendung des Begriffs Muschelseide: «Die Steckmuscheln (pinnae), welche häufig in dem mittelländischen Meere um die Insel Malta, Corsica, Sardinien etc gefunden werden, ziehen aus ihrem Rüssel, wie die Spinnen, aus dem Hintersten zarte Fäden, woraus man in Tarento, Palermo etc allerley schöne Stoffe, Zeuge zu Kleidern, Camisölern, Mützen, Strümpfe, Handschuhe verfertigt. Die natürliche Farbe dieser Muschelseide fällt ins Olivengrüne, ist aber nicht so weich und fein, als die ordentliche Seide. In Sammlungen hat man öfters Gelegenheit, dergleichen gearbeitete Sachen zu sehen.» (Rudolph 1766)


Sir Hans Sloane, Detail der Statue von John Michael Rysbrack. Quelle
Sir Hans Sloane, Detail der Statue von John Michael Rysbrack. Quelle
Hans Sloane (1660-1753), der Begründer des British Museum in London, wird als letzte universale Sammlerpersönlichkeit bezeichnet. Die zwischen 1702 und 1747 von ihm selber katalogisierten Sammlung enthält fast 6’000 Muscheln; neben Korallen und Schwämmen auch Handschuhe aus Muschelseide: «A pair of men’s glove made of the beard of the pinna marina in Andalousia in Spaine sent me by His Grace the Duke of Richmond». Diese Handschuhe werden später einmal als «one of the most curious items connected with the invertebrate exhibits» beschrieben (Way 1994). In Van Rymsdyk’s Katalog Museum Britannicum von 1778 ist einer dieser Handschuhe abgebildet. Im Sloane-Katalog ist noch ein weiterer - einzelner - Handschuh aus Muschelseide aufgeführt, ebenfalls ein Geschenk des Duke of Richmond. Beide Objekte sollen ursprünglich aus der Sammlung von Martin Lister (1639-1712) stammen, dem Autor von Historiae Conchyliorum (1685-1692) und Conchyliorum Bivalvium (1696). Nach Sloanes Tod 1753 wurde seine gesamte Sammlung – auch die Objekte aus Muschelseide – vom englischen Staat für das neue British Museum gekauft. Ein 12-jähriger Junge erzählt von seinem Besuch im eben gegründeten Museum: «Der nächste Raum war mit allerlei Schlangen und Eidechsen gefüllt… Es gab dort auch ein Paar Handschuhe, die aus den Bärten von Muscheln gemacht worden waren» (Blom 2004). Sloane's Sammlung bildet den Kern der heutigen Molluskensammlung des Natural History Museums in London.


Don Pedro Francisco Davila (1710–1775), ein in Paris lebender Peruaner, muss 1767 seine umfangreiche naturkundliche Sammlung verkaufen. Um den finanziellen Erfolg der Auktion zu erhöhen, veröffentlicht er einen dreibändigen systematischen und durchdachten Katalog der Kuriositäten der Natur und der Kunst. Unter den Muscheln seiner Sammlung sind auch eine Pinne-marine verzeichnet sowie Handschuhe und Strümpfe aus Muschelseide aus einer neapolitanischen Manufaktur: «On a joint à cette Coquille une paire de bas & une paire de gands de Byssus, qui ne cèdent en rien à ceux de soie pour la finesse & la beauté. Ils viennent de la Manufacture de Naples.»

Auch der deutschte Naturforscher Johann Hieronymus Chemnitz (1730-1800) besitzt in seinem Conchylienkabinett in Wien «ein paar Strümpfe von solcher in Italien gewebten Muschelseide, welche an Schönheit und Feinheit den besten seidenen wenig nachgeben, und mit ihrem spielenden unnachahmlichen Goldglanze sie noch übertreffen» (Hauber 1782).


Vitrine mit Pinna, Byssus und Stulpen aus Muschelseide, 18. Jh. Musée zoologique de la ville de Strasbourg.  Quelle: Musées de Strasbourg
Vitrine mit Pinna, Byssus und Stulpen aus Muschelseide, 18. Jh. Musée zoologique de la ville de Strasbourg.
Quelle: Musées de Strasbourg
In Strassburger Musée zoologique sind in einer Vitrine Ellbogenstulpen ausgestellt, zusammen mit einer Pinna nobilis und einem Faserbart. Sie sind das Geschenk eines sizilianischen Studenten, M. Ribasse, an seinen Lehrer, den Strassburger Arzt und Universitätsprofessor Jean Hermann (1738–1800). Dessen Sammlung wurde später in das 1893 gegründete Museum integriert.

Das Naturhistorische Museum Braunschweig entstand aus einer fürstlichen Sammlung. Karl I. Herzog von Braunschweig und Lüneburg (1713–1780) richtet 1754 in der Burg Dankwarderobe das Herzogliche Kunst- und Naturalienkabinett ein. Im Inventar von 1857 ist «Ein Paar Strümpfe» aufgeführt «so von der bey allen Steckmuscheln sich findenden Seide, bissus genannt, verfertiget sind».


Gustav Friedrich Klemm (1802-1867), Kulturhistoriker und Bibliothekar in Dresden, beschreibt 1850 eine culturgeschichtliche Sammlung. Diese hat den Zweck, «die Entstehung und den Fortschritt der verschiedenen menschlichen Gewerbs- und Kunsterzeuge aus den von der Natur im Stein-, Pflanzen- und Thierreiche dargebotenen Stoffen und Gestalten durch Thatsachen und Körper nachzuweisen». Dazu gehört auch eine «Sammlung von Handschuhen aus seltneren Stoffen, wie Muschelseide». Seine Sammlung bildet den Grundstock des späteren Museums für Völkerkunde in Leipzig.

Weitere aus privaten Sammlungen hervorgegangene naturhistorische Museen besitzen Objekte aus Muschelseide: Museum d’Histoire naturelle CH-Neuchâtel, Museum für Naturkunde D-Berlin, Zoologische Staatssammlung D-München.

Weitere Quellen
: Chemnitz 1785, Impey und MacGregor 1985, Coomans 1985, Dance 1986, Grote 1994, Mauriès 2002