Naturbücher

Pinna nobilis mit Byssus, Ernteinstrument. De Réaumur 1717
Pinna nobilis mit Byssus, Ernteinstrument.
De Réaumur 1717
Die Erfindung des Buchdrucks bringt auch bald die ersten gedruckten und illustrierten Bücher, die sich mit Pflanzen und Tieren beschäftigen. Einige enthalten Beschreibungen und Illustrationen von Muscheln und Schnecken. Hier finden sich die ersten verlässlichen Hinweise auf Muschelseide.

Das erste ausschliesslich Muscheln und Schnecken gewidmete Buch erscheint 1681. Das von Filippo Buonanni (1638-1725) in italienischer Sprache geschriebene Buch ist eines der ersten naturwissenschaftlichen Bücher, das nicht in Lateinisch verfasst ist (eine lateinische Fassung erscheint dann drei Jahre später doch noch). Es trägt den schönen Titel «Ricreatione dell’occhio e della mente nell’osservation’ delle chiocciole». Er wird knapp 100 Jahre später für einen Bildband über Schnecken ins Deutsche übersetzt: «Vergnügen der Augen und des Gemüths, in Vorstellung einer allgemeinen Sammlung von Schnecken und Muscheln, welche im Meer gefunden werden» (Knorr 1764). Unter Buonannis Kupferstichen finden sich auch zwei Steckmuscheln mit Haftfäden. Die Verwendung des Byssus als Textilmaterial ist ihm bekannt: Er nennt es bisso marino, also Meeresbyssus und setzt diesen deutlich dem bisso terrestre entgegen, dem ‚ländlichen’ Byssus also, welcher aus Leinen oder Baumwolle bestehe.


Im 18. Jahrhundert wird der Byssus zum Forschungsobjekt. Der französische Naturforscher René-Antoine Ferchault de Réaumur (1683–1757), Mitglied der Académie Royale des Sciences in Paris, studiert die verschiedenen Arten der Verankerung von Meerestieren im Untergrund. Er beschreibt auch die Steckmuschel und die Feinheit der Haftfäden: «…les fils sont par rapport à ceux des Moules ce qu'est le plus fin lin par rapport à l'étoupe [Werg]». Ein Stich zeigt eine Muschelschale mit dem an einem Stein haftenden Byssus sowie ein Ernteinstrument. 1742 erscheint das erste Muschelbuch in französischer Sprache, die Conchyliologie des Gelehrten Antoine-Joseph Dezallier d’Argenville (1680–1765). Die Pinne marine sei verbreitet in Sizilien, Sardinien und Korsika, man mache daraus Stoffe, Strümpfe und Handschuhe. Die Seide habe grosse Ähnlichkeit mit dem Byssus der Alten.


Neues Systematisches Conchylien-Cabinet. Martini 1769
Neues Systematisches Conchylien-Cabinet. Martini 1769
Friedrich Heinrich Wilhelm Martini (1729–1778) gründet 1773 die Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin. Auch Alexander von Humboldt (1769-1859) gehörte ihr an, und sie existiert noch heute. Martinis zwölfbändiges Conchylien-Cabinet, das ab 1769 erscheint, ist in seinem wissenschaftlichen Anspruch seiner Zeit weit voraus und wird zu einem Standardwerk. Nach Martinis Tod setzt Johann Hieronymus Chemnitz (1730–1800) seine Arbeit fort. Im 1785 publizierten achten Band behandelt er ausführlich die verschiedenen Arten der Steckmuschel, allerdings mit grossen taxonomischen Unklarheiten: «Jede Steckmuschel pfleget auf der einen Seite ihres schalichten Wohnhauses einen ziemlichen Büschel Seide hervorzustrecken, welcher Byssus genannt wird. ... Zu Reggio, Tarent, Neapel, Messina und in mehreren Städten Italiens und Siziliens, giebt es sehr ansehnliche Fabriquen, darinnen diese Muschel Seide zu Strümpfen, Handschuhen, Westen, Beinkleidern u. dgl. verarbeitet wird.»


Weitere Quellen: Gessner 1553, 1558, Rondelet 1554-55, Aldrovandi 1606, Colonna 1616, Poli 1795