Giuseppe Capecelatro, Erzbischof von Tarent

Giuseppe Capecelatro (1744-1836), Erzbischof von Tarent.  Portrait von Carlo Brulleau, ca 1833-1835, Tretyakov Gallery, Moskau. Quelle
Giuseppe Capecelatro (1744-1836), Erzbischof von Tarent.
Portrait von Carlo Brulleau, ca 1833-1835, Tretyakov Gallery, Moskau. Quelle
«Allein man muß viel beobachten ehe man entscheidet, und muß auch auf die Traditionen unsrer Vorfahren achten. Wie viele Erzählungen der Griechen und Römer sind bis jetzt für Mährchen gehalten worden! und doch bestätigt die Erfahrung von Tag zu Tag ihre Wahrheit mehr, zur Beschämung der Neuern welche sie so vorschnell verwarfen.»


Tarent 1778 - 1799

Das sind die Worte eines Mannes, dem wohl ein Grossteil der heute noch existierenden Objekte aus Muschelseide zu verdanken ist. Giuseppe Capecelatro (auch Capece-Latro) (1744-1836) war eine ausserordentliche Persönlichkeit, und alles andere als rückwärtsgewandt in seinem Denken. Aus altem neapolitanischem Adel, hoch gebildet, Jurist und Mann der Aufklärung, sensibel für das Elend der untersten Schichten. Zu einer Zeit, in der der Adel genoss und das Volk bezahlte, förderte der Erzbischof von Tarent nach Kräften alle Erwerbsmöglichkeiten, die sich aus den reichen Fischgründen vor Tarents Küsten ergaben.
Swinburne schreibt 1783 über die schwierige wirtschaftliche Situation Tarents, sieht aber auch Hoffnung in der Person von Capecelatro, welcher die Karriere in der Kirche mit der mit dem Dienst an seiner Gemeinde getauscht hat: «...but there is great reason to hope these inconveniencies will be removed by the patriotic and judicious endeavours of the present Archbishop Monsignor Joseph Capecelatro, who has abandoned the road that leads to the purple, and other objects of ecclesiastical ambition, in order to devote his life and talents to the welfare of his flock, and the improvement of his native country.»
In der Verarbeitung von Muschelseide sieht Capecelatro eine Möglichkeit, die Lebenssituation der Leute zu verbessern. Er selber übernimmt das Marketing und den Vertrieb – und wie!


Spiegazione delle conchiglie che si trovano nel piccolo mare di Taranto, Capecelatro, Napoli 1780
Spiegazione delle conchiglie che si trovano nel piccolo mare di Taranto, Capecelatro, Napoli 1780
1780, nur zwei Jahre nach seiner Wahl zum Erzbischof von Tarent, veröffentlicht der auch naturwissenschaftlich Interessierte eine Schrift über die Muscheln und Schnecken im Mar piccolo:« Spiegazione delle conchiglie che si trovano nel piccolo mare di Taranto». Gewidmet ist sie der russischen Zarin Katherina II. Vermittler am Hof von Sankt Petersburg ist der Tarentiner Musiker Giovanni Paisiello (1740-1816), der dort als Kapellmeister dient. Zusammen mit mehreren Steckmuscheln und Handschuhen erreicht so das Wissen um die Muschelseide den russischen Hof. Es sollte nachhaltig Wirkung zeigen (Sada 1983).

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg (1750-1819), Jurist und Schriftsteller in Berlin, ist im Mai 1792 Gast beim Erzbischof Capecelatro in Tarent, worüber er in seinem Tagebuch ausführlich berichtet. «A margine, simpatico e significativo è l’episodio ricordato da Stolberg: la donna invitata dal Capecelatro per spiegargli tutti i passaggi della lavorazione, si inorgoglisce e si commuove per l’interesse e gli apprezzamenti manifestati dallo straniero. Il giorno dopo Stolberg con sorpresa, riceve in dono dalla donna un paio di guanti, segno tangibile della sua riconoscenza. Sebbene di umili origini e forse analfabeta, la sconosciuta tarantina ha dato prova di grande dignità e garbo tanto da colpire la sensibilità di Stolberg il quale ha avvertito la necessità di tramandarci l’episodio.» (Girelli Renzulli 2000) Die Tarentinerin erklärt ihm nicht nur ausführlich die Verarbeitung der Muschelseide, sondern schenkt ihm auch Handschuhe. Sie gehören heute zur Zoologischen Sammlung der Universität Rostock.
1797 besuchen der König von Neapel, Ferdinando IV und Königin Maria Carolina Tarent. Sie wohnen auf dem Landsitz des Erzbischofs und erhalten von ihm «alcuni berrettini di bisso» (Vacca 1966).

In den Wirren von 1799 wurde Capecelatro verhaftet, nach Neapel verbracht und zu zehn Jahren Kerker verurteilt. Vermutlich durch Vermittlung der eben erwähnten Königin Maria Carolina wurde er 1801 wieder frei gelassen. Er kehrte nie mehr nach Tarent zurück.



Blick auf den Palazzo Sessa in Neapel, um 1800. Quelle
Blick auf den Palazzo Sessa in Neapel, um 1800. Quelle
Neapel 1801 - 1836

In Neapel lebt Capecelatro im zweiten Stock des Palazzo Sessa, der vor ihm vom englischen Botschafter Sir William Hamilton und seiner Frau Emma bewohnt worden war. Emma Hamilton war von ihrem späteren Liebhaber, Admiral Nelson, mit Handschuhen aus Muschelseide beschenkt worden: «On 18 March 1804, Nelson, on board the Victory, while blockading the French off Toulon, sent Emma Hamilton … a pair of curious gloves; they are made only in Sardinia of the beards of mussles. I have ordered a muff: they tell me they are very scarce, and for that reason I wish you to have them.» (Appleby 1997) Könnte diese Aussage so verstanden werden, dass man in Sardinien zu dieser Zeit nichts von der Muschelseideproduktion in Tarent wusste?


Im Briefwechsel Capecelatros mit seinem Vikar Antonio Tanza, der in Tarent die bischöflichen Pflichten übernommen hatte, finden wir mehrere Bestellungen von Kleidungsstücken aus Muschelseide: 1802 «una camisciola di lanapinna ed un paio di calzette dell’istesso genere» für einen marchese Taccone, 1804 vier Paar Herren- und zwei Paar Damenhandschuhe «di lanapesce» sowie zwölf «berrettini sfioccati» (?), 1805 sechs Herren- und 4 Damenhandschuhe «di lanapinna» – die Grösse lag als Papiermuster bei – sowie zwölf Paar Herrenhandschuhe «di lanapinna travagliati con qualche maggiore delicatezza» und sechs Paar lange Damenhandschuhe, die mit der grössten Vorsicht ausgeführt werden sollten, da sie für den Hof von St. Petersburg bestimmt waren (Vacca 1966).


Wilhelm von Humboldt, Ausschnitt aus einem Stich von J. L. Raab nach einem Gemälde von C. Krüger. Quelle
Wilhelm von Humboldt, Ausschnitt aus einem Stich von J. L. Raab nach einem Gemälde von C. Krüger. Quelle
Wilhelm von Humboldt (1767-1835) war von 1802 bis 1808 preussischer Resident am päpstlichen Stuhl in Rom. In seinem Briefwechsel mit Carl August von Struensee, dem preussischen Finanzminister, finden wir die Muschelseide mehrmals erwähnt. Am 18. Februar 1803 beantwortet er den Wunsch Struensees nach Übersendung eines Exemplars der Pinna marina: «...und der Pinna marina werde ich mir alle mögliche Mühe geben, und wenn Er mir nur ein Paar Monate Zeit lassen wollen, hoff ich Ihre Befehle genau erfüllen zu können». Am 12. März 1803 erneut zum gleichen Thema: «Pinna marina aus Neapel angefordert...». Am Weihnachtstag 1803 berichtet er über seine Bemühungen um die Pinna-marina-Wolle. Am 31. März 1804 wird eine Sendung von 3 Pfund Pinna marina erwähnt - eine erstaunliche Menge. Es ist anzunehmen, dass Capecelatro, mit dem er in Briefkontakt war, sein Ansprechpartner in Neapel war.


1808 wurde Capecelatro Innenminister unter Gioacchino Murat, König Neapels von 1808-1815 und Schwager Napoleons. «Il più amabile di tutti i verscovi e arcivescovi», wie er von einer Verehrerin bezeichnet wurde, war ein begnadeter Gastgeber und networker. Vom schwedischen König Gustav III sollen die Worte sein: «Lorsqu’on vient à Naples, il faut y voir Pompei, le Vésuve, et l’archevêque de Tarente.» Er stand mit fast allen Gelehrten und Schriftstellern seiner Zeit in Briefwechsel: mit Goethe, Herder, Kotzebue, Germaine de Staël, Lamartine, Walter Scott, König Ludwig I von Bayern und vielen anderen. Mit Anna Amalia von Weimar (1739-1807) verband ihn eine tiefe Freundschaft.

Der deutsche Philologe und Bibliothekar Johann Simon Karl Morgenstern (1770-1852) besuchte 1808 Neapel – und Capecelatro. «Er fand hier die bekannte würdige Frau Etatsräthin Brun mit ihrer Tochter. .... Beym Abschiede schenkte der Erzbischof der Mad. Brun und Ida meergrüne Handschuhe, die aus den Fasern einer bey Tarent haufigen Seemuschel (pinna marina) gearbeitet werden.» (Morgenstern 1813)


Bildnis der Dichterin Elisa von der Recke, von Anton Graff, 1797. Alte Nationalgalerie Berlin Quelle
Bildnis der Dichterin Elisa von der Recke, von Anton Graff, 1797. Alte Nationalgalerie Berlin Quelle
Die deutsche Baronin Elisa von der Recke (1754-1833) beschreibt in ihrem 1815 erschienenen Tagebuch einer Reise durch einen Theil Deutschlands und durch Italien, in den Jahren 1804 bis 1806 einen Tag auf dem Sommersitz des Erzbischofs in Portici bei Neapel: «Der Erzbischof machte mir bei dieser Gelegenheit ein Geschenk mit einem Paar Handschuh von brauner Farbe, deren seidenartigen Stoff ich nicht kannte; er heißt Byssus, und findet sich an einem Muschelthiere des Meeres, Pinna Marina genannt. Er fordert eine Behandlung wie die Baumwolle, bedarf jedoch eines kleinen Zusatzes von Seide, um verarbeitet zu werden. Dies Muschelthier ist an der calabrischen Küste so häufig, dass der Erzbischof mehrere Arbeiter zum Reinigen und Weben dieses Stoffes in Tarent angestellt hat, welche Arbeiten liefern, die bekannter zu seyn verdienten. Leider ist der Erzbischof der einzige Mann von Geist und thätiger Kraft in der Gegend!» (von der Recke 1815) Im Anhang ihres Tagebuches finden wir ein «Schreiben des Herrn Erzbischofs von Tarent Don Giuseppe Capece-Latro, auf Veranlassung mehrerer Anfragen aus vielen Ländern Europa's, über die Natur der Tarentinischen Steckmuschel und die Art ihre Wolle zu verarbeiten».


Es ist anzunehmen, dass in der Biblioteca arcivescovile Monsignor G. Capecelatro in Tarent, wo auch seine persönliche Bibliothek zugänglich ist, sowie beim Studium der Briefe von und an Capecelatro, die sich in der Bibliothek der Società di Storia Patria di Napoli in Neapel befinden, noch einiges über die Muschelseide und die Objektgeschichte zu lernen wäre, und vielleicht sogar neue Objekte gefunden werden könnten.


Weitere Quellen: Lorentz 1833, Croce 1927, Solito 1998