Grands Tours und Bildungsreisen

Abraham Ortelius:  Italiae Novissima Descriptio Auctore Jacobo Cataldo Pedemontano, 1608 - Quelle
Abraham Ortelius: Italiae Novissima Descriptio Auctore Jacobo Cataldo Pedemontano, 1608 - Quelle
Reiseführer, Reiseberichte und Tagebücher sind wichtige Quellen für die Geschichte der Muschelseide. Italien ist seit dem 17. Jahrhundert nicht nur die Traumdestination junger Adliger auf Grand Tour, sondern auch der neuen Schicht der naturwissenschaftlich interessierten bürgerlichen Bildungsreisenden. Die südlichste Endstation ist meistens Neapel - Tarent gehört nicht zu den üblichen Stationen. Die wenigen, welche die ehemalige Hauptstadt Grossgriechenlands trotzdem besuchen, erzählen fast immer von der Muschelseide.




Titel von Alberto Fortis' Viaggio in Dalmazia 1774
Titel von Alberto Fortis' Viaggio in Dalmazia 1774
Reiseführer

Ziel des Reisens ist, neben anderem, das Sammeln neuen Wissens über Land und Kultur der bereisten Länder und dessen spätere Vermittlung. Zu den vielfältigen Reisevorbereitungen gehört deshalb das Studium naturkundlicher Führer: «Récolte-t-on de la soie de la PINNE MARINE, appelée vulgairement ASTURA (jambonneau), comme on le fait en Istrie?» - so fragt der Italiener Alberto Fortis (1741-1803) den zukünftigen Reisenden in seinem Reiseführer für die dalmatische Küste «Informations préliminaires, que l'on croit nécessaires pour servir de direction à des voyages tendant à illustrer l'histoire naturelle…», erschienen 1771. Er hatte Dalmatien bereist und dabei die Verarbeitung der Muschelseide kennen gelernt (Fortis 1778).
Noch im 19. Jahrhundert wird in einem Handbuch für Reisende im Kapitel Tarent auf die Muschelseide hingewiesen: «… ausserdem wird hier noch eine Muschel gefunden, Pina marina genannt, welche einen Büschel feiner Haare oder Fasern von glänzender grüner Farbe enthält die gesponnen und zu Handschuhe, Strümpfen u.s.w. verarbeitet werden» (Neigebaur 1826).



Titel von Saint-Non's Voyage pittoresque, Band 1, Ausgabe 1829
Titel von Saint-Non's Voyage pittoresque, Band 1, Ausgabe 1829
Reiseberichte und Tagebücher

Der Naturforscher Niels Stensen, ein zum Katholizismus konvertierter Däne, ist vom Herbst 1668 bis zum Frühling 1669 auf Italienreise. In seinem Bericht erwähnt er eine Seesteckmuschel und ihren Byssus, nicht jedoch dessen Verarbeitung zu Muschelseide (Stensen 1669).

Johann Hermann von Riedesel, Freiherr zu Eisenbach (1740-1785) ist Gesandter Friedrich II. am Wiener Hof. Sein Bericht Reise durch Sicilien und Grossgriechenland von 1771 ist ein Grosserfolg. Später wird dieser auch Goethe als Reiseführer durch Süditalien dienen. Von Riedesel erreicht am 20. Mai 1767 Tarent und lernt dort auch die Muschelseide kennen: «Diese Lana Penna, welche wohl einen halben Palm lang ist, wird a Capo St. Vito, der mittägigen Spitze des Tarentinischen Hafens, häufig gesichtet: Unerachtet ihrer Grösse giebt sie sehr wenig von der Seide, aus welcher Strümpfe, Handschuhe, und verschiedene Kleidungen gestrickt werden; und von einem Pfund dieser rohen Wolle bleiben nur 3 Unzen, nachdem sie bereitet worden, wozu 40-50 Muscheln erfordert werden: Die Fischer verkaufen diese rohe Wolle, das Pfund 12-16 Carlini, und ein paar Handschuhe wird um 30, ein paar Strümpfe aber um 100 - 120 Neapol. Carlini, oder 10-20 Ducati, verkauft: Die Bereitung davon ist sehr mühsam und künstlich; man kan nichts als die Spizen davon gebrauchen, und die andere Helfte wird weggeworfen; sie wird unzählige Male in kaltem Wasser gewaschen und an der Luft getrocknet, bis sie von allen Unreinigkeiten gesäubert worden; muß alsdann auf einem feinen Kammbrete von Drat gekämmt, und endlich mit kleinen Spindeln gesponnen und gestrickt werden. Viele vermischen sie mit ein wenig Seide, damit sie mehr Festigkeit bekomme, wodurch sie aber die Gelindigkeit und Wärme verliert.» (von Riedesel 1771)

Jean-Claude Richard de Saint-Non (1727-1791) publiziert in den 1780er Jahren ein 5-bändiges Werk über seine Italienreise. In Tarent sprach er mit Fischern, die ein Pfund Byssus zu 18 carlins verkauften; offensichtlich ein hoher Preis. «On nous dit … qu’ils n’y avoit que les Gens le plus opulens en état d’acquérir une marchandise aussi coûteuse» (Saint-Non 1783).


Reisen durch beide Sizilien, Swinburne 1785
Reisen durch beide Sizilien, Swinburne 1785
Der englische Reiseschriftsteller Henry Swinburne (1743-1803) unternimmt in den Jahren zwischen 1777 und 1780 mit seiner Frau mehrere Reisen in Italien. Sein Reisebericht erscheint 1783, er wird bereits zwei Jahre später ins Französische und Deutsche übersetzt. In Tarent verbringt Swinburne einen Nachmittag mit einem Fischer auf dem Mar piccolo und dem Mar grande, lässt sich alle Muscheln und Schnecken zeigen sowie deren Gewinnung und Verwendung erklären. Neben einer ausführlichen Beschreibung der Korallenverwertung lernt er auch die Muschelseide kennen:
«Unterhalb dem Cap, St. Vito, welches ehemals wegen einer Abtei Basilianischer Mönche berühmt war, und in denen mehrsten Gegenden vom Mare Grande, sind die Felsen mit der Pinna Marina besetzt. Dieses zweyschaligte Muschel-Geschlecht ist häufig über 2 Fuß lang. Sie hängt sich mittelst ihrer eigenen Klammer an die Steine, und laßt einen grossen Büschel seidenartiger Fäden aus der Schaale heraus, welche umherschwimmen und spielen, um kleine Fische anzulocken.
Die Pinna wird vermittelst der Hacken von denen Felsen losgemacht, und nur wegen ihres seidenartigen Büschels, der den Namen Lanapenna führet, zerbrochen. Es wird diese Seide roh, etwa das Pfund für funfzehn Carlinen, an Frauensleute verkauft, die sie gut mit Seife und frischem Wasser auswaschen. Wenn sie vollkommen von aller Unreinigkeit gesäubert, ist trocknet man sie im Schatten, kämmt sie mit einem weiten Kamme gerade, schneidet die überflüssigen Wurzeln ab, und krempelt das übrige. Auf diese Weise bleibt von einem Pfunde roher Fäden ohngefehr drey Unzen feines Garn. Von diesem stricken sie Strümpfe, Handschue, Mützen und Westen. Gemeiniglich aber mischen sie ein wenig Seide darunter, um es stärker zu machen. Es ist ein schönes gelbbraunes Gewebe, welches dem glänzenden Golde auf dem Rücken einiger Fliegen und Käfer ähnlich siehet. Man hat mir erzählet, daß die Lanapenna ihren Glanz dadurch erhält, daß sie in Citronen-Safte eingeweicht, und nachher mit dem Bügeleisen der Schneider gepresset wird.»
(Swinburne 1785)


Schloss Marschlins bei Landquart um 1775, Kanton Graubünden
Schloss Marschlins bei Landquart um 1775, Kanton Graubünden
Der Bündner Naturforscher Carl Ulysses von Salis Marschlins (1760-1818) bringt 1793 im Bericht über seine Reisen in verschiedene Provinzen des Königreichs Neapel die ausführlichste und genaueste Beschreibung der Muschelseideverarbeitung:
«Obgleich alle Meere, welche das Königreich Neapel umgeben, diese Muschel reichlich und in einer ungewöhnlichen Grösse hervorbringen, so ziehen doch die Tarentiner allein, wesentlichen Nutzen von derselben; sie sammeln sie sogar an den Küsten von Sardinien und Corsika. Aber nicht überall ist das Büchel Seide, um welches willen man sie aufsucht, von gleicher Vortrefflichkeit. Wo der Meeresgrund sandigt ist, kann man die Muschel mit dem im Sande gewurzelten Büschel leicht herausziehen, und wenn es gewaschen worden ist, so ist seine Farbe goldglänzend. Im schilfichten und also dabey meistens leimichten Grunde steckt nicht nur die Muschel und die Seide so fest, dass sie beym herausziehen fast immer abbricht, sondern die Farbe der Seide ist auch schwarz und ohne Glanz. Die Muschel steckt immer aufrecht, offen und einer halben Palmen tief im Meeresgrund.......
Sobald die Fischer eine genugsame Anzahl Steckmuscheln bekommen haben, so wird die Muschel geöffnet, die Seide vom Thiere abgeschnitten, zweymal in lauem Wasser, dann einmal mit Seife, dann wieder zweymal mit lauem Wasser gewaschen. Man breitet sie nun auf einer Tafel aus, und lässt sie an einem kühlen beständig schattigen Ort halb trocken werden. Während dem sie noch etwas feucht ist, wird sie mit den Händen sanft auseinander gerieben und dann wieder auf die Tafel gelegt und ganz getrocknet. Nach diesem wird die Seite durch den weiten Kamm gezogen, und hernach durch den engen. Diese sind beide von Bein, und gleichen, die Grösse ausgenommen, unsern Haarkämmen. Die Seide, so wie sie nun gekämmt ist, gehört zur gemeinen und heisst Extra dente. Allein diejenige, die zu feinern Arbeiten bestimmt ist, wird noch durch die eisernen Kämme, daselbst Scarde, bey uns Kartätschen genannt, gezogen. Alsdann wird sie mit der Spindel in der Hand gesponnen, zwey oder drey Fäden zusammen verbunden, immer ein Faden rechte Seide darunter gemischt, und alsdann mit den Nadeln nicht nur Handschuhe, Strümpfe und Westen, sondern ganze Kleider gestrickt. Sobald das Stück fertig ist, wird es in hellem Wasser, welches mit Zitronensaft vermischt seyn muss, gewaschen, dann zwischen den Händen ein wenig ausgeklopft, endlich aber mit einem warmen Eisen ausgeglättet. Die schönsten haben eine zimmetbraune, goldglänzende Farbe, welche die angenehmste Wirkung hervorbringt. Alles, was aus dieser Steckseide verfertig wird, ist den Motten sehr unterworfen, und daher muss man es von aller Zucker- und Esswaare entfernen und zwischen reiner Wäsche aufbewahren. Ein paar Weiberhandschuh kosten an Ort und Stelle 16 neapolitanische Carlins, oder 3 Gulden 10 Kreuzer Reichsgeld. Ein paar Strümpfe 3 bis 4 neapolitanische Dukaten und das übrige im Verhältnis. Bey allem dem ist der Vertrieb dieser Waare nicht sehr gross. Ich für mein Theil zweifle daran, dass der Byssus der alten aus dieser Stecksiede (sic) bestanden sey...»
(von Salis-Marschlins 1793).


Weitere Quellen: Bartels 1789, Büsching 1789, von Kotzebue 1805, von Arnim 1845, Heinzelmann 1852, Collini & Vannoni 2005, Jacopssen & Verhulst 2008