Nationale Messen und Weltausstellungen

Industrieausstellung im Hof des Louvre, Paris 1801. Quelle
Industrieausstellung im Hof des Louvre, Paris 1801. Quelle

Europa


Im 19. Jahrhundert sind Ausstellungskataloge und Berichte von regionalen, nationalen, internationalen Messen und Weltausstellungen wichtige Quellen für Textilien aus Muschelseide.

Aus dem Catalogue des productions industrielles, der ersten Industrieausstellung in Paris, die 1801 im Louvre stattfindet: "Portique No 23 - Decretot, fabricant à Louviers, département de l'Eure, ayant son dépôt, place des Victoires, Nos. 2 et 18, à Paris: .... drap de pinne marine, gilets en vigogne et pinne-marine,...» (Holcroft 1804, Viennet 1942). Auch das Magasin encyclopédique, ou Journal des sciences, des lettres et des arts berichtet über dieses ausserordentliche Tuch.


Anlässlich einer weiteren Pariser Ausstellung erscheint am 6. Oktober 1806 im Journal de l’Empire ein Artikel «Sur la pinne-marine et sur les tissus fabriqués avec la laine de ce coquillage»: Der goldbraune Glanz sei einmalig unter den Stoffen, weich wie Vikunjawolle, leuchtend, sehr leicht, zu 500 Franken die Elle (ca. 80 cm). «Leur éclat, d’un brun doré, ne peut être égalé par aucune autre étoffe. En douceur, ils égalent la vigogne. … MM. les fabricans de Louviers, qui en ont fait tisser des draps très-éclatans, très-légers, à 500 francs l'aune.» (Malte-Brun 1806)


An der Weltausstellung 1855 in Paris wurde die erste Nähmaschine Singer gezeigt. Quelle
An der Weltausstellung 1855 in Paris wurde die erste Nähmaschine Singer gezeigt. Quelle
50 Jahre später, an der Pariser Weltausstellung von 1855, erregt eine neue Stoffmischung Aufmerksamkeit: «Le drap bleu Marie-Louise, mélangé de laine d'Allemagne et de pinne marine, … réclame une mention exceptionnelle.» Die Fabrikanten sind M. L. Laurent, Démar et Cie aus Elbeuf, einer bedeutenden Textilstadt in der Haute Normandie «On n'a vu de produit pareil, en matière si rare, si précieuse et si chère, qu'aux expositions de 1806 et de 1819. La nuance adoptée avec son mélange par les exposants était réservée pour manteau de cour, sous le premier empire» (Poussin 1855). Was genau damit gemeint ist, bleibt abzuklären. Ein anderer Autor erwähnt «ein Stück hergestellt aus Byssus mit Wolle, auf dessen Oberfläche zahlreiche goldgelbe seidige Härchen zu sehen waren, so dass der Stoff wie mit Goldstaub bestreut aussah...» (Brühl 1938). Weitere Autoren berichten, dass in Frankreich Muschelseide auch mit Seide und Alpakka gemischt verarbeitet wurde.


Auszeichnung an der International Exhibition in London 1862.
Auszeichnung an der International Exhibition in London 1862.
An der Weltausstellung 1862 in London werden verschiedene Muschelseideprodukte aus Italien gezeigt. Der Official Catalogue of the Industrial Departement erwähnt einen Schal und Handschuhe aus Sardinien. «Sub-Class C. 1672 Randacciu, M. Cagliari. – Shawl made with the byssus of the Pinna», und «Dessi Magnetti Avv. V. Cagliari. – Byssus of the Pinna, with thread, gloves, etc. made of it». Die Royal Italian Commission, welche diese Objekte nach London gebracht hatte, offerierte sie dem Industrial Museum of Scotland, dem heutigen National Museum of Scotland in Edinburgh. Nach Simmonds gehörte zu Magnettis Stücken auch noch eine Krawatte – deren Verbleib ist jedoch unbekannt.


Für die Weltausstellung 1867 in Paris wurde der auswählenden Kommission ein Musterbuch mit Muschelseidearbeiten übergeben, un album di lavori in lanapenna. Offensichtlich mit Erfolg: Unter dem Kapitel Gespinnstfasern wird als tierische Faser die Muschelseide erwähnt, «jenes eigenthümlich sattblonde Haargebilde an der Perlmuschel. Sie war von einem Italiener, Simone in Tarent, ausgestellt worden.» An dieser Ausstellung wurden jedoch nicht nur Muschelseideprodukte aus Tarent und Sardinien gezeigt, sondern auch aus Norditalien: «At the Paris International Exhibition, in 1867, Paul Montego, of Asti, Alessandria, also showed shawls made of this byssus.» Woher die Objekte kamen, und ob Montego nur Vermittler war, ist nicht bekannt (Simmonds 1883).

An der Weltausstellung 1873 in Wien stellte die Camera di Commercio ed Arti von Bari, Apulien, Objekte aus Muschelseide aus, hergestellt von Giuseppa Romano-Gatto aus Galatone: eine 4,19 Meter lange Boa, ein Stück Stoff mit den Massen 5,25 x 1 m, einen Muff, vier Paar Handschuhe. Ein weiteres Ausstellungsstück, «una mantella foderata di raso bianco», soll später Kaiserin Elisabeth geschenkt worden sein.


Karte von Neapel 1815. Quelle
Karte von Neapel 1815. Quelle
Ausstellungen in Italien

Ausstellungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene waren die Gelegenheit für Italienerinnen und Italiener, vom Handwerk der Muschelseideverarbeitung zu erfahren. Es wird über unzählige berichtet - hier nur ein kleiner Einblick.

Die erste Ausstellung in Italien, an der ein Objekt aus Muschelseide gezeigt wurde, fand 1811 in Neapel statt: Handschuhe von Francesca Scarfoglia aus Tarent. Sie kosteten 1,20 Dukaten und bekamen eine Auszeichnung (Vacca 1966).


In Cagliari, Sardinien fand 1847 eine Ausstellung statt, an der die Figli della Provvidenza ein Mieder und eine Mütze zeigten: «un taglio di corpetto di nachera, berettino di nachera, campione di nachera cardate», von Giuseppa Poddigue aus Oristano und Anna Melis aus Cagliari (anon. 1847).

Gemäss Mastrocinque wurden 1853 an der Esposizione di Napoli mehrere Objekte aus Muschelseide ausgestellt. Das Waisenhaus Santa Filomena in Lecce präsentierte einen Muff und einen quadratischen Wandteppich mit dem Namenszug des Königs – vermutlich Ferdinand II - «tutto lanapinna con dei piccoli trasparenti de seta agli angoli, e nel mezzo, dentro ghirlanda di fiori, il nome in cifra dell’Augusto nostro Re» (Mastrocinque 1928). Die Objekte wurden von der Ausstellungsjury mit der grossen Goldmedaille ausgezeichnet. Dieser Wandteppich wird auch im Bericht Dell'industria manifatturiera in Italia erwähnt: «I migliori prodotti di questa materia escono dall'ospizio degli Orfani di S. Filomena a Lecce. Nell'ultima esposizione napolitana dell'industria si ammirava un tappeto quadrato molto grande di lana pinna, con de'festoni di seta agli angoli, ed una ghirlanda nel mezzo.» (Maestri 1858)


Manifesto dell'Esposizione Generale Italiana in Torino 1884. Cromolitografia su disegno di Francesco Gamba. (Quelle: Archivio Storico Amma, Torino)
Manifesto dell'Esposizione Generale Italiana in Torino 1884. Cromolitografia su disegno di Francesco Gamba.
(Quelle: Archivio Storico Amma, Torino)
In den Atti del comitato direttivo della prima esposizione sarda, die 1871 in Cagliari stattfand, finden wir vier Erwähnungen von Objekten aus Muschelseide sowie eine Pinna mit Venus:
  • 414. Cara Michelina, Cagliari - Un quadretto contenente in rilievo due cagnolini sotto un albero, lavoro in bisso serico di nacchera;
  • 427. Cara Michelina, Cagliari - Un boà ed un manicotto fatti con bisso serico di penna marina (P. squamosa G.M.), conchiglia volgarmente conosciuta col nome di nacchera.
  • 428. Randaccio Marianna, Cagliari - Uno sciallo formato in bisso serico di nacchera.
  • 143. Pinna squamosa (volg. Nàcchera) - Pinna squamosa, Gm. - Del Mediterraneo. .... Oltre a ciò è provveduta di un bisso serico, il quale fin da tempo antico veniva usato per farne tessuti di molto pregio per il naturale ed inalterabile color biondo risplendente sotto l'azione del sole.
Unter Nr. 178 wird auch zum ersten Mal über ein Objekt aus der Schale der Steckmuschel berichtet, mit einer ruhenden Venus, una pinna marina contenente una Venere in atto di riposo, la quale figura di aver tirato una rete piena di conchiglie - es geht aus den Akten nicht hervor, ob es sich dabei um eine Malerei oder eine figürliche Darstellung handelt. Die Boa von Michelina Cara könnte jene sein, die zwei Jahre später an der Weltausstellung 1873 in Wien gezeigt wurde.


Im gleichen Jahr, 1871, fand in Neapel die Esposizione internazionale marittima statt. Die Schwestern Marasco aus Tarent zeigten einen Wandteppich, der mit der Bronzemedaille und einem Verdienstabzeichen ausgezeichnet wurde (D’Alessio 1958).

An der Esposizione Nazionale Alpina in Turin 1874 wurden drei Krawatten und drei kleine Schals gezeigt, zusammen mit Byssusbärten in verschiedenen Stadien der Verarbeitung. Auch eine Monographie zur Steckmuschel lag auf, der Autor ist Giuseppe Fongi (Galiuto 2004).

1884 fand in Turin eine Esposizione Generale Italiana statt, an der die gleichen Objekte wie an der Weltausstellung von 1873 in Wien gezeigt wurden (De Castro 1867/68).

Vermutlich die letzte Ausstellung, wo Muschelseide als Handelsobjekt gezeigt wurde, fand vom 15. August bis 2. September 1950 in Sassari statt: Mostra regionale dell'artigianato delle piccole industrie e delle materie prime della Sardegna. Vermutlich hat Italo Diana hier noch ausgestellt (anon. 1950).


Inneres von Ward's Atelier in Rochester, NY. Quelle: Barrow 2000
Inneres von Ward's Atelier in Rochester, NY. Quelle: Barrow 2000
Situation in den USA

Die Vereinigten Staaten von Amerika kannten nie eine höfische Gesellschaft. So spielten Kuriositätenkabinette eine andere, kleinere Rolle. Dort waren es gewinnorientierte Unternehmer, die auf Reisen in die alte Welt Objekte suchten, oft an Ausstellungen präsentierten und zum Kauf anboten (Barrow 2000). Das bekannteste Unternehmen – es existiert noch heute - war das 1862 gegründete Wards Natural Science Establishment in Rochester, New York. Der Gründer Henry A. Ward (1834-1906) lebte zwischen 1854 und 1860 in Europa, studierte und reiste und besuchte die grossen europäischen Sammlungen und die Weltausstellung 1855 in Paris. Auf einer seiner Italienreisen lernte er die Muschelseide kennen (Kohlstedt 1980).


Weltausstellung 1893 in Chicago, USA
Weltausstellung 1893 in Chicago, USA
Ward zeigte Muschelseideobjekte zuerst 1876 an der Ausstellung zur 100. Gründungsjubiläum der Stadt Philadelphia, dann 1893 an der World Columbian Exhibition in Chicago, der zweiten Weltausstellung auf nordamerikanischem Boden. Zur grossen naturwissenschaftlichen Sammlung, die Ward für $ 95'000.- an Marshall Field, einem Kaufhausmagnaten, verkaufte, gehörte auch ein Muff, eine Zipfelmütze und Handschuhe aus Muschelseide. Field wurde zu einem der grossen Gönner des kurz darauf gegründeten Field Museum of Natural History in Chicago.
Auch das Smithsonian National Museum of Natural History in Washington kaufte 1896 einen Handschuh für die Sammlung. Im Museumskatalog ist er - unter lauter Muscheln und Schnecken - vermerkt: «No. 149395 Pinna glove, Taranto Italy, received from Nashville Exp., collected by Ward, Henry».
In Wards Verkaufskatalog Mollusca (nach 1890) wird eine Pinna nobilis, Linn. Mediterranean zum Preis von $ 0.75-2.00 angeboten. Fig. 215 zeigt sie, mit dem Byssus und der Bemerkung: «The byssus of this species has sometimes been mixed with silk, spun, and knitted into gloves, etc.; and we have some of the articles made thus at Taranto, Italy.» Es könnte also noch weitere Objekte aus Muschelseide in den USA geben.


Weitere Quellen: Harting 1857, Grothe 1868, Barrow 2000