Produktionsorte, Handel und Preise

Wo wurde im Laufe der Jahrhunderte der Faserbart der Edlen Steckmuschel geerntet und zu Muschelseide verarbeitet? Fast die ganze Mittelmeerküste und die südliche Atlantikküste Portugals, sogar die Küste der Normandie wurde irgendwann einmal als Produktiongebiet bezeichnet. Das muss hinterfragt werden. Unbestritten sind Tarent und Sardinien in Süditalien. Durch Objekte bestätigte Herkunftsorte sind Menorca und Andalusien (Spanien). Allerdings müssen auch hier Fragezeichen gesetzt werden, da bis heute keine objektiven Zeugnisse einer dortigen Verarbeitung vorliegen. Weitere in der Literatur erwähnte Produktionsorte konnten (noch) nicht durch glaubwürdige lokale Berichte oder Objektfunde bestätigt werden: Kalabrien, hier vor allem Reggio di Calabria, Neapel und weitere Orte der süditalienischen Küste, Korsika, Malta, die dalmatische, französische und türkische Mittelmeerküste sowie Tunesien.


Sizilien im 16. Jahrhundert. Historische Karte von Abraham Ortelius. Quelle
Sizilien im 16. Jahrhundert. Historische Karte von Abraham Ortelius. Quelle
Muschelseide in Sizilien?

Chemnitz berichtet 1785: «... Zu Reggio, Tarent, Neapel, Messina und in mehreren Städten Italiens und Siziliens, giebt es sehr ansehnliche Fabriquen, darinnen diese Muschel Seide zu Strümpfen, Handschuhen, Westen, Beinkleidern u. dgl. verarbeitet wird». Bezüglich Sizilien widerspricht dem diametral der Eintrag im Band Manufactures, arts et métiers der Encyclopédie méthodique par ordre des matières von 1784: «... je n'ai pu découvrir ni à Palerme, ni dans aucun lieu de la Sicile, une seule personne qui s'en occupât». Auch sind gerade zum Produktionsort Sizilien wiederholt fehlerhafte Aussagen gemacht bzw. weitergetragen worden. «This byssus forms an important article of commerce among the Sicilians, for which purpose considerable number of Pinna are annually fished up in the Mediterranean ... A considerable manufactory is established at Palermo; the fabrics made are extremely elegant, and vie in appearance with the finest silk. The best products of this material are, however, said to be made in the Orphan Hospital of St. Philomel, at Lucca» (Simmonds 1883). Dieses 'Waisenspital von St. Philomel in Lucca' - in die Nähe von Palermo auf Sizilien verortet - wird vor und nach 1883 vor allem in englischen Texten unzählige Male im fast gleichen Wortlaut erwähnt. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um das «ospizio degli Orfani di S. Filomena» in Lecce, Apulien, wo Mitte des 19. Jahrhunderts Objekte aus Muschelseide für den Markt in Tarent hergestellt wurden, wie aus den «Annali civili del Regno delle Due Sicilie» 1853 hervorgeht.


Nehmen wir zwei nüchterne und glaubwürdige Zeugen, die Sizilien UND die Muschelseide kannten.

Von Riedesel studierte auf seiner «Reise durch Sicilien und Grossgriechenland» im Jahr 1767 auch die Beschäftigungssituation und verschiedenste Wirtschaftsfelder. Er erwähnt die ausgedehnte Seidenherstellung in Kalabrien und Sizilien – kein Wort jedoch von Muschelseide. 1771 ist er einer der ersten, der über die Muschelseide in Tarent sprechen wird.

Ebenso von Salis-Marschlins. Im Buch «Beiträge zur natürlichen und ökonomischen Kenntnis des Königreichs beider Sicilien» von 1790 beschreibt er ausführlich die (Maulbeer-) Seidenproduktion und erwähnt sogar ein Material, das nur in Mexiko bekannt war (Richter 1928): «Aus den Blättern [der Aloe!] wird eine Seide zubereitet, und daraus werden Strümpfe und Handschuhe gemacht. Ich werde trachten, nähere Nachrichten von der Art, diese Seide zu gewinnen, zu bekommen.» Es ist anzunehmen, dass er auch die Muschelseide erwähnt hätte, sollte er sie dort kennengelernt haben. Oder handelt es sich um eine Erinnerungslücke bzw. eine Verwechslung beim Verfassen des Buches? Die Reise fand 1788 statt. Auf jeden Fall wird auch von Salis-Marschlins 1793 ausführlich über die Muschelseideverarbeitung in Tarent sprechen.

Der Hamburger Johann Heinrich Bartels (1761-1850) schreibt in seinen Briefe(n) über Kalabrien und Sizilien von 1789 und 1791 ausführlich über Gewerbe und Handel, besonders auch über die Seidenproduktion, erwähnt aber nirgends eine Produktion von Muschelseide.


Erste Handelsbelege

Wie gross war der Handel mit Muschelseide? Auch dies wird höchst widersprüchlich dokumentiert. «Nur der Vollständigkeit halben (sic) sei erwähnt, dass auch ein im Golf von Neapel vorkommendes Muscheltier lange, glänzende Seidenfäden absondert, die unter dem Namen Muschelseide bekannt sind; doch sind die Mengen so gering, dass diese Seide nie Handelsgegenstand geworden ist.» (Samter 1901) Oder: «This byssus forms an important article of commerce among the Sicilians, for which purpose considerable number of Pinna are annually fished up in the Mediterranean ...» (Simmonds 1883). Die Annahmen gehen also von geringen Mengen bis zum wichtigen Handelsgut!


«La Ville d’AVGSPVRG, dans la Souabe. Augsburg». Quelle: GeoGREIF
«La Ville d’AVGSPVRG, dans la Souabe. Augsburg». Quelle: GeoGREIF
Im 17. Jahrhundert finden wir erste Belege des Handels mit Muschelseide zwischen Lucca – hier ist vermutlich die bedeutende Textilstadt in der Toscana gemeint - und den Niederlanden: «Im Gegentransit beförderte die gleiche Augsburger Firma zwischen 1649 und 1652 von Venedig ... 4 Ballen Meeresseide (Muschelseide) aus Lucca, die Abraham von Collen lieferte, nach den Niederlanden. Bei der Augsburger Firma handelt es sich um die Handelsgesellschaft Michael, Gabriel, Hans Jakob Miller und Mitverwandte» (Blendinger 1978).

Anfang des 18. Jahrhunderts ist ein Handel zwischen Venedig und Augsburg überliefert: «Ein ähnliches Zeugnis wurde am 16. Juni 1705 der Firma Jenisch und Hosenestel - es handelte sich wohl um Marx Abraham und Marx Anton Jenisch und Andreas Hosenestel 195 - über 5 Bündel Rohseide aus dem Meere (Muschelseide) ausgestellt, die sie von Marin Gelthof in Venedig empfangen hatten. Die Augsburger Firma beschwerte sich beim Absender wegen der stark beschädigten Verpackung. Er schickte ihnen darauf eine Bescheinigung des deutschen Hauses in Venedig, dass die Sendung genau 5700 Venetianische Pfund gewogen habe und durch den Seemann Rossi von Nicolai nach Mestre geschafft worden sei. Gelthof wünscht eine beglaubigte Bescheinigung darüber, dass die Ware trotz der Verpackungsmängel gut angekommen sei, um keine Kaution leisten zu müssen.» (Blendinger 1978)

Die Menge dieser beiden Lieferungen - allein bei der Sendung aus Venedig dürfte es sich um ca 2000 kg handeln - lässt Zweifel aufkommen, ob es sich dabei tatsächlich um Muschelseide handelte.


«Vue du petit port de Luogo Vivo au Sud-Est du Cap San Vito, prise du vaisseau» aus: «Voyage en Italie, en Sicile et à Malte, 1778 par quatre voyageurs hollandais, accompagnés du peintre vaudois Louis Ducros»  (Dierkens et al., 1994)
«Vue du petit port de Luogo Vivo au Sud-Est du Cap San Vito, prise du vaisseau» aus: «Voyage en Italie, en Sicile et à Malte, 1778 par quatre voyageurs hollandais, accompagnés du peintre vaudois Louis Ducros»
(
Dierkens et al., 1994)
Tarent

Seit wann in Tarent Muschelseide verarbeitet wird, ist nicht bekannt. Bei den in der lokalen Geschichte erwähnten Tarantinidien, feine, durchsichtige Gewebe, handelte es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um die kostbare, apulische Wolle: «Italian centers of fine wool production lay primarily in the south, including Luceria in Aulia and Brundisium and Tarentum in Calabria. Wool from the latter was so fine that it could be spun into diaphanous material.» (Sebesta 1994).


Giovanni Battista Pacichelli besuchte Tarent gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Er berichtete, dass man im Mar Piccolo «…den Flaum, der Muschelseide genannt wird, NOCH erntet, verspinnt und daraus nützliche Mützen gegen Schmerzen herstellt» (Pacichelli 1691). Seit wann dies der Fall war, ist jedoch nicht bekannt.

Wenn 1782 von einer Wiederbelebung der Produktion in Tarent um 1740 gesprochen wird, handelt es sich vermutlich um die späteren Bemühungen Capecelatros: «The ancients had a manufacture of silk, which, about forty years ago, was revived at Taranto and Regio in the kingdom of Naples…» (Browne 1832). Dies könnte darauf hinweisen, dass die Muschelseideproduktion in Tarent vorher lange Zeit nicht - nicht mehr? - zur Kenntnis genommen wurde – falls sie überhaupt früher je existiert hatte. Brühl (1938) zweifelt daran: «Für die damalige Zeit finden sich aber keine Angaben über Tarent als Ursprungsort der Muschelseide. Nur weil in neuerer Zeit dieser Ort für die Gewinnung und Verarbeitung des Materials im Vordergrund steht, wird er auch für den Ursprungsort der Muschelseide im Altertum gehalten.»


Opere minori sulle manifatture nazionali e tariffe daziarie, Gioja M. 1824
Opere minori sulle manifatture nazionali e tariffe daziarie, Gioja M. 1824
Am 4. Oktober 1806 - unter Napoleon als König - werden in Mailand vom I. R. Istituto di scienze, lettere ed arti Preise für die verschiedensten Industrie- und Manufakturprodukte vergeben. Die Firma Bellini e Turpini aus Mailand erhält eine Silbermedaille für «una maglia di seta vestita del pelo di pinna marina, più comunemente detto pelo d'ostura». Es scheint, als ob hier zum ersten Mal Muschelseide als Handelsgut eingeführt würde: «L'introduzione nel regno di questo nuovo genere di stoffa siccome diverrà un oggetto del lusso più ricercato, così non sarà senza vantaggio del nostro commercio.» (an. 1818). In einer 1824 publizierten Tabelle werden Bellini e Turpini als inventori - Erfinder - aufgelistet.


Im Artikel Dell'industria manifatturiera in Italia wird – allerdings nur als Anhang - die Fabrikation von Muschelseide erwähnt: «Come appendice a quel che abbiamo detto sulle lanerie, aggiungeremo alcune parole sulla lana pinna, o lana pesce, di marina, specie di prodotto che i Tarantini estraggono da alcune bivalve (pinna rudis et nobilis di Linneo)…» (Maestri 1858). Und 1867 wird die Tyrranei der Mode bedauert, die sich eben nicht für die Muschelseide einsetze: «La tirannide della moda non ha mai imposto tali abiti alle donne, quindi mai questa industria locale ha preso, come suol dirsi, ampio sviluppo.» (de Simone 1867)


«Le Royame de Sardaigne dréssé sur le cartes manuscrites levées dans le Pays par les Ingenieurs Piemontais à Paris par le rouge Ing. Gèographe du Roy, rue des Augustins 1753 A; P.D.R.» Quelle
«Le Royame de Sardaigne dréssé sur le cartes manuscrites levées dans le Pays par les Ingenieurs Piemontais à Paris par le rouge Ing. Gèographe du Roy, rue des Augustins 1753 A; P.D.R.» Quelle
Sardinien

Auch für Sardinien gibt es keine zuverlässigen Angaben, seit wann dort Muschelseide verarbeitet wurde.

Für das 19. Jahrhundert ist der Priester Antonio Giovanni Carta ein wichtiger Zeuge. 1820 berichtet er dem Generalintendenten über die politische und ökonomische Situation in seiner Provinz. Ein ganzes Kapitel ist dem Thema Muschelseide gewidmet; er sieht einen der Hauptgründe für den Niedergang des Handwerks in der traditionellen Art der Muschelernte: «La pesca della pinna nobilis era avvenuta con metodi ed arnesi tradizionali che, spesso, causavano la rottura delle valve con conseguente perdita sia dell'animale che del bisso» (Galiuto 2004). Er spricht als erster vom Aufbau einer «pinnicoltura rationale».

Albert de La Marmora, General in der piemontesischen Armee und Naturforscher, publiziert 1826 ebenfalls eine ausführliche Studie: «Voyage en Sardaigne de 1819 à 1825 ou description statistique, physique et politique de cette île, avec des recherches sur ses productions naturelles et ses antiquités» und berichtet darin über die Muschelseide-Verarbeitung: «Les bas-fonds de la Sardaigne surtout depuis l’île de l’Asinara jusqu’à La Maddalena, et ceux de San Pietro et de Saint Antioco, fournissent le pinne-marine en assez grande quantité. La ‚gnaccara’ qu’on en tire est filée a Cagliari, ou j’en ai vu une quantité suffisante pour en fabriquer des châles et des chapeaux; des gants, faits de cette substance, sont assez communs dans l'île».


Frankreich

Im französischen Handelslexikon «Dictionaire universel de commerce, d'histoire naturelle, & des arts et métiers» von 1738 – einem der ersten seiner Art – erscheint die Muschelseide unter «Filature»: «…on file de la manière qui lui est propre la soie du ver et celle de la pinne marine…». Das wird bestätigt durch eine detaillierte Liste von Handelsprodukten aus dem Meer, die von einer Muschelseideproduktion im 18. Jahrhundert spricht, zuerst in Südfrankreich, später auch in der Normandie – allerdings fehlen auch hier die materiellen Beweise.


Marie-Antoinette, nach Elisabeth Vigée-Lebrun 1783. Quelle
Marie-Antoinette, nach Elisabeth Vigée-Lebrun 1783. Quelle
Am französischen Hof muss die Muschelseide kurz vor der Revolution grossen Eindruck gemacht haben: «L'infortunée reine Marie-Antoinette s'étoit déclarée la protectrice de ce genre d'industrie, importé en France vers l'an 1788» (Malte-Brun 1806). War es Swinburne, der Marie-Antoinette von der Muschelseide erzählt hatte? Er war 1783 und 1785 am Hof von Versailles und stand in der Gunst Marie-Antoinettes. Oder war es ihre ältere Schwester Maria-Carolina, Königin von Neapel, die in engem Kontakt mit Giuseppe Capecelatro stand?

Die 1854 in Paris gegründete Société impériale zoologique d’acclimatation hatte eine vermehrte Ausschöpfung der natürlichen Ressourcen im Tier- und Pflanzenreich zum Ziel, denn «la nature constituait un capital inépuisables». Der Mediziner Jules Cloquet (1790-1883) präsentiert am 11. Januar 1861 den Bericht Sur l’emploi industriel du byssus de pinnes. Er spricht darin vom ehemaligen ‘ziemlich ausgedehnten’ Handel mit Muschelseide in Italien, heute jedoch sei sie eine blosse Kuriosität für Ausländer: «Il y a quelques siècles, les tissus dont il s'agit étaient, en Italie, l'objet d'un commerce assez étendu…. Aujourd'hui le peu qui s'en fabrique est vendu aux étrangers comme objet de curiosité». Er erinnert an den Textilindustriellen M. Ternaux und seine bewunderten Ausstellungsstücke, die leider keine Nachfolger fanden. Mangels Rohware? Oder aus Renditegründen? «Cet exemple n'a pas été imité. Peut-être la difficulté de se procurer une grande quantité de matières premières est-elle pour beaucoup dans l'oubli de cette initiative?» Cloquet schlägt den Aufbau einer Muschelzucht vor: «... certainement l'emploi de leur byssus prendrait de l'importance». Der Société schenkt er Handschuhe en byssus.


Die Idee Cloquets sollte sich erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts verwirklichen, nicht in Frankreich, sondern in Italien. Unter dem Faschismus wurde in Tarent die Byssusproduktion gefördert, um die Autarkie in textilen Luxusprodukten zu stärken….

Und doch überlebte das Wissen um die Muschelseide in Frankreich. An derEcole Française de Bonneterie in Troyes war sie 1956 jedenfalls noch Schulthema in einem Kurs über textile Materialien.


Fabrik von Bernhard Georg Scheibler auf dem Burgau, nach einer Handzeichnung aus dem Jahre 1806. aus: Barkhausen 1925 
Fabrik von Bernhard Georg Scheibler auf dem Burgau, nach einer Handzeichnung aus dem Jahre 1806.
aus: Barkhausen 1925 
Deutschland

Ganz erstaunlich ist es, dass auch in Deutschland, südlich von Aachen, Muschelseide verarbeitet wurde. Monschau – oder Montjoie, wie es in der Zeit der Herrschaft Napoléons und bis 1918 hiess – besass bis ins 20. Jahrhundert bedeutende Tuchfabriken. 1808 unternahm Nemnich eine Reise durch die Rheinlande und berichtete darüber: «Ferner fabrizirt das gedachte Haus Bernhard Scheibler, schon seit dreißig Jahren, und bisher einzig, das Pinna - Marina Tuch. Es ist in der natürlichen Farbe der italienischen Muschelseide, nämlich eine ins Gold spielende Olivenfarbe. Die Breite ist 5/8 Stab; der Stab kostet 8 à 9 Louis d'or. Die Fabrikation ist äusserst schwierig, insonderheit das Walken. Uberhaupt ist dieses Tuch eine bloße Seltenheit, und wird nur zufällig begehrt.» (Nemnich 1809)


1813 fand in Aachen eine Gewerbeausstellung statt: «Zur Ausstellung der Waren in Achen hatte ich geschwind ein par kurze Stückcher blau u. Grün mit Pinne Marine melirt verfertigen laßen; wegen die Kayserinn sich das grüne bey ihrer letzten Durchreise ausgesucht und mit nach Paris genommen hat. Bis jezt hat uns der H. Préfet noch nichts darüber geschrieben, ich hoffe indeßen, daß er für die bezahlung sorgen wird.» Die Firma Scheibler & Lenzmann erhielt am 1. August 1813 eine ehrenvolle Erwähnung... «für besonders feine Tuche und vor allem ein Stück Tuch, gefertigt aus einem Gemisch von feinster Wolle und Pine marine, einem Produkt aus Fäden einer Muschel des Mittelmeeres, dem Byssus der Antike. Von diesem Gewebe erlaubte sich die Firma ein Stück der Kaiserin Mutter [Lätizia Bonaparte] als Geschenk anzubieten, das auch angenommen wurde.» (Barkhausen 1925)

Im Almanach du commerce de Paris, des départements de la France, et des principales villes du monde erscheinen mit Produktionsort Monschau: «Draps (fab.). Malhout, casimirs, double-broche, vigogne et pinne marine» (de La Tynna 1820).

Im (Vollständigen) Lexikon der Waarenkunde in allen ihren Zweigen finden wir «Pinne marine, ein feines, 3/4 (?) Brabanter Elle breites, olivenfarbiges, goldschillerndes, der Farbe der Muschelseide ähnliches Tuch, welches in den belgischen Fabriken zu Ensival und Verviers, sowie in denen zu Eupen und Monjoie in der preuss. Rheinprovinz verfertig wird.» (Jöcher 1840) - Eupen, Ensival und Verviers waren von 1795 bis 1815 ebenfalls unter französischer Herrschaft – sie gehören heute zu Belgien. Zweifel sind deshalb angebracht, ob es sich tatsächlich um echte Muschelseide, und nicht um ein Imitat handelt. Heiden (1904) verstärkt diese in seinem Handwörterbuch der Textilkunde aller Zeiten und Völker unter dem Stichwort Pinna Marina: «In den niederl. Fabriken wurde früher auch unter diesem Namen ein feines, olivenfarbiges, in Gold spielendes Tuch angefertigt, das die Farbe der Muschelseide nachahmen sollte und zu Kleidungsstücken verwendet wurde.» Es wurde aber auch tatsächlich Muschelseide verarbeitet! Siehe dazu Aktuell.


Handelspreise

Was wissen wir über die Handelspreise von Textilien aus Muschelseide? Auch hier Widersprüchliches. Einige Zahlen:

Von Riedesel
1771: «Die Fischer verkaufen diese rohe Wolle, das Pfund 12-16 Carlini, und ein paar Handschuhe wird um 30, ein paar Strümpfe aber um 100 - 120 Neapol. Carlini, oder 10-20 Ducati verkauft». Zur gleichen Zeit, ebenfalls in Tarent, kostet ein Cantaro (ca 90 kg) roher Baumwolle 4 Ducati.
Von Salis-Marschlins 1793: «Ein paar Weiberhandschuh kosten an Ort und Stelle 16 neapolitanische Carlins, oder 3 Gulden 10 Kreuzer Reichsgeld. Ein paar Strümpfe 3 bis 4 neapolitanische Dukaten und das übrige im Verhältnis. Bey allem dem ist der Vertrieb dieser Waare nicht sehr gross.»
Tarent 1804, aus einem Waaren-Lexicon: «Die rohe Muschelseide kostete damals 16 Carlini das Pfund; die gesponnene 10 Carlini die Unze; das Paar Mannshandschuhe 13, Frauenhandschuhe 17-18 Carlini, Strümpfe 9 Dukati (zu 1 fl. 57 kr.); eine Weste 30, ein Rok (sic!) 100 Dukati.» (Leuchs 1835)
De Simone 1867: «Una libbra di antica misura napolitana (0,321) di lanapenna, come comperasi dal pescatore, per rendersi atta al lavoro, riducesi ad oncie 8 (0,214). Ogni libra costa: al pescatore: L. 04:00, per lavatura: L. 01:06, per cardatura, e filatura L. 00:51, totale L. 05:57.»

Einiges spricht dafür, dass man zu keiner Zeit von einer eigentlichen Muschelseide-Industrie sprechen kann. Meistens waren es Frauenklöster oder Mädchenheime, welche deren Verarbeitung pflegten. Auch die Heimarbeit dürfte eine wichtige Rolle gespielt haben. Ende des 19. Jahrhunderts soll die gesamte Jahresproduktion wenige hundert Kilo betragen haben (Brühl 1938).


Murerplan, Zürich 1576. Quelle
Murerplan, Zürich 1576. Quelle
Spuren der Muschelseide in die Schweiz?

Tatsächlich, es gibt sie. In einer Geschichte der Zürcherischen Seidenindustrie von 1884 wird auch über die Tätigkeit des Seidenfabrikanten Heinrich Werdmüller (1554-1627) berichtet: «Ebenfalls aus Italien, über ihren Korrespondenten Jacob Ravizza in Venedig, bezogen sie zwischen 1600 und 1602 die so genannte Meerseide, die aus den Fäden der im Mittelmeer verbreiteten grossen Pinnamuschel gewonnen wurde. Sie wollten wohl diese Meerseidenfäden mit Florettseide verarbeiten.» (Bürkli-Meyer 1884) Ob diese tatsächlich zu Versuchen diente, einen – wie vermerkt - billigen Seidenfaden (Florett) herzustellen, darf bezweifelt werden. Dafür waren die Preise für das Rohmaterial wohl zu hoch. Die Versuche waren dann offenbar auch nicht erfolgreich.


Florettspinnerei Ringwald, Füllinsdorf BL. Quelle 
Florettspinnerei Ringwald, Füllinsdorf BL. Quelle 
In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts erhielt die Floretspinnerei Ringwald (nicht Ringrald!) in Füllinsdorf im Kanton Basel-Landschaft 2 Kilo Muschelseide aus Sardinien. Der Auftrag war zu prüfen, ob Muschelseide maschinell verarbeitet werden könnte. Der Auftrag soll abgelehnt worden sein, mit der Bemerkung, wegen des verschmutzten Rohmaterials wären die Maschinen für die Reinigung anschliessend zwei Tage ausser Betrieb gewesen... (Basso-Arnoux 1916).



Weitere Quellen: Morgenstern 1813, Doren 1901, Weisz 1949, Peyer 1968, Carta Mantiglia 1997, Schmid 2001