Antike

Ob es sich beim antiken Byssus um ein Gewebe aus Leinen, Wolle, Baumwolle oder Seide handelte, ist nicht klar. Sicher ist, dass es sich nicht um Muschelseide handelte. Denn der Begriff Byssus für die Haftfäden von Muscheln wird erst seit dem 15. Jahrhundert verwendet.

Sicher ist aber auch, dass Muschelseide in der Antike existierte, aber unter anderen Namen. Irgendwo rund ums Mittelmeer kam irgendjemand einmal auf die Idee, die Haftfäden der Edlen Steckmuschel zu reinigen und zu spinnen und als Textilmaterial zu verwenden. Wo genau? Und wann? Das wissen wir nicht. Aus der Bronzezeit wurden in Griechenland, in Thessalien und auf Santorini viele Reste von Muschelschalen gefunden, darunter auch der Steckmuschel (Karali 1990, Fischer 2007, Burke 2012). War sie nur Nahrung? Oder wurde bereits damals deren Byssus zu Textilien verarbeitet? Waren es die Phönizier? Sie lebten bereits tausend Jahre vor Christus an der östlichen Mittelmeerküste und kannten ein anderes Meeresprodukt, den echten Purpur, den kostbarsten Farbstoff der Antike.


Das Buch Periplus Maris Erythraei aus dem 1. Jh. nach Christus beschreibt Schiffsrouten und Hafenstädte zwischen Indien und Ostafrika.
Das Buch Periplus Maris Erythraei aus dem 1. Jh. nach Christus beschreibt Schiffsrouten und Hafenstädte zwischen Indien und Ostafrika.
1. bis 3. Jahrhundert nach Christus

Das Buch Periplus maris Erythreai, dessen Verfasser nicht bekannt ist, stammt aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Es ist ein Handbuch für den Import und Export von Handelsgütern und beschreibt die Schiffsrouten und Hafenstädte zwischen Indien und Ostafrika. Hier taucht auch der Begriff pinikon auf, der unterschiedlich interpretiert wird. Sind es Perlen oder mit Perlen bestickte Stoffe? (Kaeuffer 1859). Oder ist es Muschelseide? (Gilroy 1845, Schrader 1886). Meint pinnikon oder pinninon - Begriffe, die wir 800 Jahre später in Sardinien finden werden - das Gleiche?

In einem Bericht über den Handel im Altertum finden wir unter Ausfuhr: «von Apologos (Hafenstadt im Südirak, an der Tigrismündung) nach Indien und Arabien Stoffe aus Faden der Steckmuschel, von der Insel Tapobrane (alter Name für Ceylon) Steckmuscheln...; von Ganges (Flussmündung in Bangladesh): Steckmuschelseide... » (Schmidt 1924). Auch hier: viele Fragzeichen!

Im Hou Hanshou, einem Buch über die Geschichte der Späteren Han-Dynastie des 1. bis 3. Jahrhunderts, wird der über Zwischenhändler erfolgte Warenaustausch zwischen chinesischen und römischen Händlern auf der Seidenstrasse beschrieben. Aus Daqin, dem römischen Reich, werden kostbare Textilien erwähnt: «They also have a fine cloth which some people say is made from the down of ‘water sheep,’ but which is made, in fact, from the cocoons of wild silkworms.» Dieses 'Wasserschaf' ist nur einer all der verschiedenen Namen, die mit Muschelseide in Zusammenhang gebracht wurden (Ecsedy 1974, McKinley 1998, Boulnois 2001). John Hill analysiert den Begriff in seiner Neuübersetzung des Hou Hanshou und kommt aufgrund neuer Quellen zur Überzeugung, dass es sich dabei nicht um Wildseide, sondern um Muschelseide handelte (Hill 2009).


Eines der ersten schriftlichen Zeugnisse für die Verwendung von Muschelseide stammt aus der Zeit um 200 nach Christus. Tertullian, ein zum Christentum übergetretener Römer aus Karthago, im heutigen Tunesien, erwähnt sie in seiner Schrift De Pallio: «Nec fuit satis tunicam pangere et serere, ni etiam piscari vestitum contigisset: nam et de mari vellera, quo mucosae lanusitatis plautiores conchae comant» (Nicht war es genug, die Stoffe der Tunika zu kämmen und zu pflanzen; nein, man fand es auch nötig, den Kleiderstoff zu fischen, denn auch aus dem Meere holt man Vliesse, wo Muscheln von beträchtlicher Grösse mit Büscheln versehen sind.) Neben Wolle und Leinen, den damals üblichen Textilmaterialien, wird also auch die Muschelseide zu Bekleidungszwecken verwendet.


4. bis 6. Jahrhundert


Inflation und Teuerung sind der Grund, dass der römische Kaiser Diokletian im Jahr 301 Maximalpreise für alle erdenklichen Waren und Dienstleistungen verordnet. Teile davon sind erhalten und bilden eine unerschöpfliche Quelle für alle an der römischen Alltagsgeschichte Interessierten. Verschiedene Textilien sind erwähnt, darunter auch die Meerwolle. Handelt es sich um Muschelseide? (Caputo & Goodchild 1955, Lauffer 1971, Giacchero 1974, Reynolds 1981).

Vom Heiligen Basilius dem Grossen (331-379) ist ein Predigttext überliefert, in dem er mit Bewunderung vom goldenen Vlies der Pinna spricht: «Unde pinnae auream lanam nutriunt, quam insectorum nullus hactenus est imitatus» (Zanetti 1964). Dieses Zitat dürfte der Ursprung sein für die Legende, welche im Goldenen Vlies des Jason aus der griechischen Mythologie Muschelseide zu erkennen meint (Abbott 1972). Cole hat dazu 2005 eine ausführliche Studie publiziert.



Aquincum, römische Legionärsstadt - heute Budapest.
Aquincum, römische Legionärsstadt - heute Budapest.
Ebenfalls aus dem 4. Jahrhundert stammt das älteste Objekt - der erste materielle Beweis, dass Muschelseide in der Spätantike verarbeitet wurde. Das Stofffragment wurde 1912 in einem Frauengrab in Aquincum gefunden; das heutige Budapest war damals eine römische Legionärsstadt an der nordöstlichen Reichsgrenze (Hollendonner 1917, Nagy 1935, Wild 1970). Die gleichzeitig gefundene Halskette aus Gold und farbigen Glasperlen deutet darauf hin, dass es sich bei dieser Mumie um eine hochgestellte Persönlichkeit handelte. Stammt das Textilfragment aus den syrischen Provinzen Roms? Einiges spricht dafür (Maeder 2008). Leider ging dieses Fragment in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verloren.


Das Zentrum Ostroms, Konstantinopel, ist bekannt für seinen verschwenderischen Luxus, nicht zuletzt in der Kleidung. Der Historiker Procopius beschreibt um das Jahr 550 in seinem Buch De Aedificiis die Insignien, welche fünf armenische Satrapen (Statthalter) von Kaiser Justinian I als Machtzeichen erhielten. Dazu gehörte ein «aus Wolle gemachter Mantel, nicht wie die, die von den Schafen herkommt, sondern aus dem Meer gesammelt. Man pflegt die Lebewesen ‚Pinnoi’ zu nennen, aus denen diese Wolle herauswächst».


Weitere Quellen: Jolowicz 1861, Marquardt 1886, Mommsen & Blümner 1893, Laufer 1915, Pfister 1934, Forbes 1956