20. Jahrhundert

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es auf Sardinien und in Tarent auf verschiedenen Ebenen und in immer neuen Anläufen Bestrebungen, die Verarbeitung von Muschelseide neu zu beleben. Diese Entwicklung ist relativ gut aufgearbeitet. Ich beschränke mich deshalb auf einige wichtige Punkte und verweise auf die zahlreichen Publikationen.



Ernte der Steckmuschel im Mar Piccolo, Tarent 1927. Mastrocinque 1928
Ernte der Steckmuschel im Mar Piccolo, Tarent 1927. Mastrocinque 1928
Tarent

In Tarent wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Pinna nobilis als Nahrung geerntet, jährlich zwischen 20'000 und 30'000 Muscheln. Der daraus gewonnene Rohbyssus zu ca 1,5 g betrug 30 bis 40 kg (Mastrocinque 1928).
  • 1928 erscheint im Consiglio Provinciale dell'Economia di Taranto die illustrierte Schrift «Bisso e Porpora: per la rinascita delle due grandi industrie» von Beniamino Mastrocinque. Sie endet mit der Aufforderung, aus einem in kleinem Rahmen und nur noch in wenigen Familien gepflegten Handwerk eine ökonomische Aktivität mit Arbeitsplätzen zu machen. Dazu mussten zwei Vorbedingungen erfüllt werden: eine regelmässige Versorgung mit Byssus sowie die Möglichkeit einer mechanisierten Verarbeitung der Muschelseide.
  • Bereits seit 1923 war an der Scuola Professionale Femminile unter der Leitung von Filomena Martellotta die Verarbeitung der Muschelseide ein Lehrfach (D’Ippolito 1994, Campi 2005). Die Lehrerin Rita del Bene experimentierte mit der Verarbeitung der Muschelseide auf dem mechanischen Webstuhl, was schliesslich 1936 zu einem Patent führte (Del Bene, 1937). 1938 sollte ein Lehrstuhl für Muschelseideverarbeitung eingerichtet werden, der jedoch mangels finanzieller Unterstützung durch das römische Ministerium nicht zustande kam. Rita del Bene gründete daraufhin eine eigene, private Schule zum Erlernen der Muschelseideverarbeitung, welche kurz vor dem Krieg von 22 Schülerinnen besucht wurde.
  • Das Istituto sperimentale talassografico in Tarent führte in den 1930er Jahren Studien und Zuchtversuche mit der Pinna nobilis durch (Cerruti 1938 & 1939).


Alle diese Projekte endeten nach dem Zweiten Weltkrieg und wurden nicht weiter verfolgt. Diese wichtige Phase in der Geschichte der Muschelseide in Tarent hat Lucia D’Ippolito im Katalog zur ersten dem Thema gewidmeten Ausstellung, die 2004 in Basel stattfand, gründlich aufgearbeitet (D'Ippolito 2004).

Die Muschelseide wurde in den letzten Jahren auch in den Schulen thematisiert. Am Istituto Technico Commerciale Pitagora bearbeitete die Klasse von Anna Buso im Schuljahr 2000/2001 das Thema Bisso e Porpora: Il mare e le risorse economiche nel tarantino. Unter Evangelina Campi liefen an der Scuola Ugo Foscolo verschiedene Schulprojekte, welche den Jugendlichen die Traditionen ihrer Heimat vermitteln. In Zusammenarbeit mit dem Liceo Italiano Carlo Levi in Basel führte dies zu einem Auftritt ihrer Schulklasse an der Vernissage der Ausstellung im Jahr 2004. Das aus diesen Projekten entstandene Buch zeigt neue lokale Aspekte und Zeugen und begeistert vor allem durch erstmals publiziertes Fotomaterial (Campi 2005).


Weitere Quellen: de Vicentiis 1913, Magno 1913, Ricci 1913, Blandamura 1925, Croce 1927, Petrali Castaldi 1929, Villani 1947/48, Parenzan 1959 und 1984, Congedo & Putignani 1964, Vacca 1966, Ross 1978, Sada 1983, Bino 1987, Scamardi 1987, Dotoli & Fiorino 1989, Peluso 1993, Dierkens et al. 1994, Zacchino 1995, Solito 1998, Girelli Renzulli 2000



Stempel der Byssus Ichnusa Society - Carloforte
Stempel der Byssus Ichnusa Society - Carloforte
Sardinien

Glauben wir Mastrocinque, so wurde um 1928 überlegt, Byssus unter anderem auch aus Sardinien nach Tarent einzuführen, da dort ja niemand Nutzen daraus ziehe: «…e si potrebbe altresi utilizzare il bisso ricavato da quella pescata in altre spiagge della penisola e delle isole, specie della Sardegna, e da cui oggi non si trae alcun profitto». Man kann daraus schliessen, dass Mastrocinque zu dieser Zeit nichts von den Bemühungen in Sardinien wusste – im Gegensatz zu Basso-Arnoux, der Mastrocinque erwähnt.

Die Fotografenbrüder Alinari beschreiben 1915 in ihrem Bericht über eine Reise in Sardinien die Herstellung und Verarbeitung der Muschelseide zu - offensichtlich gewobenen - Westen (sottoveste?), wofür 900 Faserbärte verarbeitet wurden: «Ma la lavorazione più curiosa è quella che si fa della Pinna nobilis, che viene pescata in grande abbondanza nel golfo e la cui appendice terminale (bisso), formata da filamenti setacei, viene, in prima, ripulita dalle concrezioni calcaree che vi stanno aderenti, quindi filata e tessuta. Ne deriva una stoffa di un bel colore metallico, che si avvicina al rame, con la quale si confezionano delle sottoveste che, guernite di bottoni in filigrana d'oro, pure lavorati nel paese e nel Cagliaritano, producono bellissimo effetto. Per ogni sottoveste occorrono almeno 900 code la cui filatura costa, all'incirca, una lira al cento. Questo non puo riternesi un prezzo esagerato perche non puo filarsene che un centinaio al giorno essendo il fila delicatissimo e facila a strapparsi.»


Der Mediziner Giuseppe Basso-Arnoux (1840-1919) hatte bereits als Kind die Muschelseide kennengelernt. Seine Eltern trugen an Feiertagen Accessoires aus Muschelseide: der Vater Handschuhe, die Mutter ein Kopftuch. Erst viel später erinnerte er sich daran, als ihm Fischer in Oristano Faserbärte der Edlen Steckmuschel zum Kauf anboten (Addari 1988). Von diesem Moment an setzte er sich unermüdlich für die Wiederbelebung des Handwerks ein und verfolgte mit grosser Ausdauer die Möglichkeit einer Industrialisierung der Produktion und Verarbeitung von Muschelseide.

In seiner 1916 erschienenen Schrift «Sulla pesca ed utilizzazione della ‚Pinna Nobilis’ e del relativo bisso» spricht Basso-Arnoux von den «manti dei Re, ed i paludamenti dei grandi Sacerdoti dell’Egitto ... I più sontuosi ornamenti delle donne greche e romane erano di bisso». Man kann daraus schliessen, dass ihm die Mehrdeutigkeit des Begriffs bisso kaum bewusst war.
Was es mit seiner Gründung der «Byssus Ichnusa Society» zur Förderung der Muschelseideverarbeitung auf sich hat, liegt noch weithin im Dunkeln. Weshalb war ihr Sitz in London und nicht in Italien? (Flore 2003/04)

Italo Diana (1891- nach 1959) war die zweite wichtige Person für die Geschichte der Muschelseide in Sardinien. Im kleinen Atelier an der Via Magenta in Sant'Antìoco wurde nicht nur Wolle, Leinen, Baumwolle gesponnen und gewoben, auch die Orbace – ein traditionell-sardisches grobes Wollgewebe - für die männliche Tracht und für Uniformen wurde dort hergestellt. Das Atelier wurde über die Insel hinaus berühmt für seine Textilien aus Muschelseide. Auch diese Zeit ist gut aufgearbeitet (Bardini Barbafiera 1994, Flore 2004).

Ginevra Zanetti publizierte 1964 eine ausführliche Studie über die Muschelseide in Sardinien: «Un' antica industria sarda: il tessuto d'arte per i paramenti sacri.»

An der Universität Sassari bearbeitete Gerolama Carta Mantiglia, Professorin für sardische Volkskunde, im Kontext der sardischen Textiltraditionen das Thema Muschelseide.

Aus Sardinien stammen die jungen Leute, die in den vergangenen Jahren ihre Tesi di laurea über die Muschelseide schrieben:
  • Flore, Sergio. «Il bisso marino . Un antico panno che viene dal mare...» Tesi di laurea in Conservazione dei Beni Culturali, Università degli studi di Urbino 'Carlo Bo', anno 2003/04. Neben dem historischen Überblick wird auch der Restaurierungsbedarf von Muschelseideobjekten thematisiert.
  • Bullega, Cinzia. «La lavorazione del bisso a Sant'Antìoco: aspetti etnolinguistico.» Tesi di laurea in Lettere, Università degli Studi di Cagliari, anno 2005-06.
    Hier handelt es sich um eine ethno-linguistische Dokumentation der dialektalen Begriffe im Zusammenhang mit der Gewinnung und Verarbeitung der Muschelseide in Sant'Antìoco.


Die letzte Weberin, welche das Handwerk bei Italo Diana lernte, die bald 100-jährige Efisia Murroni, mit einem in Muschelseide gewobenen Dank zweier Schülerinnen
Die letzte Weberin, welche das Handwerk bei Italo Diana lernte, die bald 100-jährige Efisia Murroni, mit einem in Muschelseide gewobenen Dank zweier Schülerinnen
Das Atelier von Italo Diana hat Auswirkungen bis heute: Für Sant’ Antìoco ist die Muschelseide noch nicht Vergangenheit. Die Stadt auf der gleichnamigen Insel trägt seit den 1990er Jahren einiges dazu bei, um das Wissen zu erhalten und weiter zu vermitteln.

Die Cooperativa Archeotur wurde 1984 in Sant’Antìoco als Genossenschaft gegründet. Sie ist zuständig für die bedeutenden archäologischen Stätten, die über die Araber, Römer, Punier, Phönizier bis in die prähistorischen Epochen zurück reichen, und Sie leistet seit vielen Jahren und mit Leidenschaft einen grossen Beitrag, um das Wissen um die kulturellen und handwerklichen Traditionen der Insel zu vermitteln. Im Museo Etnografico wird auch die Muschelseide aus historischer Sicht gezeigt.

Die Gemeinde stellt der Weberin Chiara Vigo Räumlichkeiten für ihr Museo e laboratorio del bisso zur Verfügung, wo sie den Weg vom rohen Byssus zum Muschelseidefaden zeigt. Chiara Vigo hat mit ausserordentlicher Phantasie ihre ganz eigene Geschichte der Muschelseide erfunden und spinnt sie unermüdlich und zur Freude aller Medien weiter und weiter....

In Sant'Antìoco leben noch mehrere Weberinnen. Die älteste ist Efisia Murroni, geboren 1913, die im Alter von 15 Jahren im Atelier von Italo Diana die Verarbeitung von Wolle, Leinen und Muschelseide gelernt und ihr Wissen an viele Mädchen und Frauen weitergegeben hat. Ein berührendes Bild - mit Muschelseide auf Leinen gestickt - zeugt davon:
A EFISIA MURRONI
MAESTRA NELL’ANTICA ARTE DEL BISSO
PER AVECI TRAMANDATO LE SUE CONOSCENZE...
CON INFINITA GRATITUDINE E AMMIRATO RISPETTO
UN GRAZIE DI CUORE
ASSUNTINA E GIUSEPPINA PES - 2008
(Für Efisia Murroni, Meisterin des antiken Handwerks der Muschelseide - dass sie uns ihr Wissen weitergegeben hat - in unendlicher Dankbarkeit und bewunderndem Respekt – ein herzliches Dankeschön - Assuntina und Giuseppina Pes 2008)

So ist Sant'Antìoco wohl der letzte Ort weltweit, wo auch heute noch mehrere Muschelseide-Weberinnen leben.


Weitere Quellen
: Zanetti 1964, Addari Rapallo 1993, Bellieni 1973, Cherchi Paba 1974, Siddi 1995, Acquaro 1996, Carta Mantiglia 1997, 2004, 2006, Smyth 1998, Meloni 2007




Albany, New York - und Basel, Switzerland


1998 publizierte Daniel McKinley, emeritierter Professor für Biologie der University of Albany, N.Y. USA, eine umfangreiche Studie über die Geschichte der Muschelseide (McKinley, 1998). Im gleichen Jahr iniziierte ich das ‚Projekt Muschelseide’ und wurde vom Naturhistorischen Museum Basel als ehrenamtliche Mitarbeiterin aufgenommen. Erst drei Jahre später, Dank einer Information der Bibliothekarin der Abegg-Stiftung Riggisberg, bekam ich davon Kenntnis. Ich nahm mit McKinley Kontakt auf und es stellte sich heraus, dass mein Brief die erste Reaktion überhaupt auf sein Buch war. Bis zu seinem Tod im Frühling 2010 standen wir in regem Austausch. Er war mir ein unersetzlicher Gesprächspartner und kritischer Begleiter geworden. Inzwischen ist sein ganzes Archiv zum Thema Muschelseide dem Naturhistorischen Museum Basel übereignet worden, wo es für zukünftige Studien bereitgestellt werden soll.
McKinleys Studie muss als die entscheidende Wende in der Rezeptionsgeschichte der Muschelseide betrachtet werden. Sie ist mit über 400 Bibliographieangaben bis heute die umfangreichste und fundierteste Arbeit über die Muschelseide. Auf dem Hintergrund akribischer Textanalysen löst er unzählige Missverständnisse und korrigiert Fehlzuschreibungen. Er zerzaust aber auch mit bissiger Ironie manch schöne Legende und bringt sie auf den Boden der Realität zurück (was allerdings aufgrund neuer Quellen teilweise revidiert werden muss). Ein Grossteil der in den letzten Jahren inventarisierten Objekte hätte ich ohne seine Angaben nicht gefunden. Eines ist klar: McKinleys Buch ist für alle, die sich in Zukunft mit dem Thema Muschelseide beschäftigen möchten, ein unverzichtbares Arbeitsinstrument.




 
 
Das Projekt Muschelseide

In Basel begann meine Beschäftigung mit dem Thema Muschelseide im Herbst 1997 mit einer Vitrine im Naturhistorischen Museum Basel. Sie sollte an einem Familiensonntag zum Thema Muscheln und Schnecken auf das ungewöhnliche Textilmaterial aus einem Meeresprodukt aufmerksam machen. Das unerwartet grosse Interesse führte 1998 zur Initiierung des Projekts Muschelseide und zur Formulierung der drei Projektziele:
1) Erstellen eines Inventars aller noch existierenden Objekte aus Muschelseide,
2) Erforschen der Geschichte der Muschelseide und deren Gewinnung und Verarbeitung,
3) Dokumentation der noch vorhandenen Zeugnisse des praktisch ausgestorbenen Handwerks.

In Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA St. Gallen, einer Institution der ETH Zürich, wurde ein einfaches Analyseverfahren zur Identifikation der Muschelseidefaser entwickelt.


Der Katalog zur Ausstellung 2004 in Basel: Muschelseide - Goldene Fäden vom Meeresgrund / Bisso marino - Fili d'oro dal fondo del mare. Maeder F., A. Hänggi & D. Wunderlin (eds.) Milano: 5 Continents Editions, 2004, 128 p. CHF 39.-/€ 25.-.   Zu beziehen über Naturhistorisches Museum Basel: nmb@bs.ch
Der Katalog zur Ausstellung 2004 in Basel: Muschelseide - Goldene Fäden vom Meeresgrund / Bisso marino - Fili d'oro dal fondo del mare. Maeder F., A. Hänggi & D. Wunderlin (eds.) Milano: 5 Continents Editions, 2004, 128 p. CHF 39.-/€ 25.-.

Zu beziehen über Naturhistorisches Museum Basel: nmb@bs.ch
Die weltweit erste thematische Ausstellung fand 2004 am Naturhistorischen Museum Basel statt: «Muschelseide – Goldene Fäden vom Meeresgrund / Bisso marino - fili d'oro dal fondo del mare», in Zusammenarbeit mit der Abteilung Europa des Museums der Kulturen Basel. Hier konnten bereits über 20 Textilobjekte aus Muschelseide aus europäischen und US-Sammlungen gezeigt werden. Der Ausstellungskatalog ist die erste illustrierte Monographie und ist - wie sämtliche Texte der Ausstellung - vollständig zweisprachig, in Deutsch und Italienisch verfasst.
Als Wanderausstellung ging sie 2006 nach Taranto (in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Generalkonsulat in Neapel) und nach Lecce (Apulien) (in Zusammenarbeit mit der Stazione di biologia di Porto Cesareo und der Universität Lecce). 2008/2009 schliesslich wurde eine erweiterte Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem «Museo cantonale di storia naturale» in der Villa Ciani in Lugano gezeigt.

Das Inventar umfasst heute über 60 Objekte. An mehreren Textilkongressen und öffentlichen Veranstaltungen im In- und Ausland konnte das Projekt Muschelseide vorgestellt und damit die Aufmerksamkeit von Fachleuten und textilen Institutionen geweckt werden; daraus entstanden Publikationen in Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch.

Mit dem Internet ergeben sich nun völlig neue Möglichkeiten der Recherche, da viele Bücher aus der für das Thema wichtigen Periode des 16. bis 19. Jahrhunderts erstmals zugänglich sind. In einem täglich wachsenden Bücherbestand kann nun erstmals nach Stichworten und Wortverbindungen gesucht werden. Daraus ergibt sich ein eigentliches «work in progress». Eine Projekt-Homepage mit all ihren Vernetzungsmöglichkeiten ist dafür das sinnvollste Medium.

Weitere Quellen: de Vicentiis 1913, Magno 1913, Ricci 1913, Blandamura 1925, Croce 1927, Petrali Castaldi 1929, Villani 1947/48, Parenzan 1959 und 1984, Congedo & Putignani 1964, Vacca 1966, Ross 1978, Sada 1983, Bino 1987, Scamardi 1987, Dotoli & Fiorino 1989, Peluso 1993, Dierkens et al. 1994, Zacchino 1995, Solito 1998, Girelli Renzulli 2000.