Byssus und Byssus

«Es soll einmal einen chinesischen Weisen gegeben haben, «der die Qualität unserer Welt davon abhängig machte, ob wir für die rechten Dinge die richtigen Wörter finden. Dieser Weise war nämlich der Ansicht, dass das Unglück auf Erden vor allem daher stammt, dass wir für gegebene Realitäten die falschen Wörter benützen.» (Iso Camartin, NZZ vom 4.3.2002)


Aristoteles wird quasi als „Vater der Muschelseide“ bezeichnet, da er als erster den Faserbart der Pinna mit Byssus bezeichnet habe. Was hat Aristoteles mit Muschelseide zu tun? Es handelt sich um einen Übersetzungs- oder genauer Akzentfehler, der auf das 15. Jahrhundert zurückgeht: ein für die Geschichte der Muschelseide überaus folgenreicher Fehler.
Im 3. Jahrhundert v. Chr. schreibt Aristoteles eine Geschichte der Tiere, seine Historia animalium. Er beschreibt in Buch V 15 auch die Pinna, die Steckmuschel: „Αἱ δὲ πίνναι ὀρθαὶ φύονται ἐκ τοῦ βυσσοῦ ἐν τοῖς ἀμμώδεσι καὶ βορβορώδεσιν”. Willem van Moerbeke (um 1215–1286), ein flämischer Dominikaner und bedeutender Übersetzer antiker Schriften, übersetzt im 13. Jahrhundert korrekt: „Pinnae rectae nascuntur ex fundo in arenosis ...“ („Die Steckmuscheln wachsen aufrecht aus der Tiefe ...“); ὁ βυσσός – männlich, mit Betonung auf der zweiten Silbe – ist die Tiefe (van der Feen 1949, Turner and Rosewater 1958).
200 Jahre später verfasst Theodorus Gaza (um 1400–um 1475), ein in Italien lebender Humanist aus Byzanz, eine Neuübersetzung von Aristoteles Schrift. Er verändert Aristoteles’ Text beträchtlich, denn Gaza war überzeugt, dass „a translator of Aristotle must first do his best to restore the text to the form the philosopher had originally given it, and to do so he will have to make substantial changes ad mentem Aristotelis“ (Beullens und Gotthelf 2007). Aristoteles verbessern, sozusagen. Gaza war nicht sehr erfolgreich. Bei ihm hiess es nun: „Pinnae erectae locis arenosis coenosisque ex bysso ...“, („... die Pinna wächst aufrecht aus ihrem Byssus ...“); ἡ βύσσος – weiblich, mit Betonung auf der ersten Silbe – ist feines Leinen oder feine Faser.
Das also ist der Hintergrund des zoologischen Begriffs Byssus. Gazas Übersetzung von Aristoteles’ Historia animalium erschien 1476 in Venedig und war ein unmittelbarer Erfolg – sie überholte in ihrer Bedeutung sämtliche vorherigen Übersetzungen. Während Moerbekes Version erst – und nur in Teilen – 1908 gedruckt wurde, erlebte diejenige von Gaza bis Ende des 16. Jahrhunderts bereits über 40 Auflagen. Von diesem Moment an bekam der bereits vorher mehrdeutige antike Begriff Byssus – Leinen? Baumwolle? Seide? – den zusätzlichen Aspekt einer tierischen Muschelfaser – und wurde damit auf die Muschelseide übertragen. „In this sense, however, the word was not used in the language of the ancients“ (Laufer 1915).
Der Begriff Byssus in schriftlichen Quellen vor 1500 hat nichts mit der Faser der Steckmuschel und somit auch nichts mit Muschelseide zu tun. Damit handelt es sich auch beim biblischen Byssus nicht um Muschelseide.

Aber: Muschelseide war in der Antike sehr wohl bekannt, sie wurde jedoch nicht Byssus genannt. „From these filaments, textiles can be obtained, they are mentioned in Greek texts from the 2nd cent. AD; ... but they are never called ,byssus’“ (Pelliot 1959). Meistens wurde sie umschrieben. Auf jeden Fall ist bis heute kein einziger klassischer Text bekannt, der den Begriff byssus im Lateinischen oder βύσσος im Griechischen in Verbindung bringt mit einem textilen Muschel- oder Meeresprodukt.





Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb in Textilfachbüchern und Kunstlexika der Begriff Byssus so unterschiedlich - und sehr oft falsch - erklärt werden:

A history of textile art, Geijer 1979
«Mention is sometimes made in historical texts of textile fibres which have proved hard to identify, and which are centainly not related to the common principal species.... Pinna marina, or squamosa, is the name for certain mussel species living in temperate sea water, especially in the Mediterranean and off the coast of India. The mussel clings to underwater rocks by means of long tufts of hair growing out of its shell. After they have been cleaned, these tufts make a lustrous spinning material which was used even in prehistoric times for weaving fine fabrics. Arab merchants called this material 'sea-wool'.»

Grosses Textil-Lexikon, Koch & Satlow 1965/66
Byssus:
  1. «Historische Bezeichnung für schleierartige Gewebe, die aus besonders feinen Flachsqualitäten erzeugt wurden... Gewebe aus der feinsten Qualität dieses Flachses, die auch noch im klassischen Altertum und in frühen christlichen Zeiten gearbeitet wurden, sind als alexandrinischer B. bekannt.» Erwähnt wird auch syrischer oder antiochenischer Byssus: «Die Verwendung dieser Materialien für Schleiergewebe beschränkte sich nicht auf Ägypten und Syrien; durch Karawanen überbracht, wurden sie auf orientalischen Märkten gehandelt.»
  2. «Das in Fadenform erstarrte Sekret bestimmter Muscheln, besonders der Pinna-Arten, das als B.-Schopf - aus einer Vielzahl feiner, 20 - 50cm (sic!) langer Fäden bestehend... Die Fäden wurden früher (auch schon im Altertum) in grösserem Umfang gewonnen und verarbeitet (s. Muschelseide, die deshalb auch B.-Seide genannt wurde).» Es folgt der Zusatz: «Verwechslungen mit dem Begriff unter 1 sind möglich.»
Die Abbildung im Artikel, platziert zwischen Punkt 1 und Punkt 2, zeigt einen «Modeldruck auf Byssus aus dem spätantiken Alexandria (4. Jahrh.)» aus der Gewebesammlung Krefeld. Einzige Literaturangabe dazu ist Bock 1895.
Muschelseide (Byssusseide): «seidige Fasern des Byssusschopfes der gemeinen Steckmuschel Pinna nobilis L. (auch Schinkenmuschel genannt) und einiger anderer Pinna-Arten ... Gewonnen wurden die Steckmuscheln schon seit alters her vorwiegend in Italien, besonders in Tarent und Sizilien ... Die Verarbeitung der Muschelfasern zu Gespinsten und Geweben war im Altertum wie auch im Mittelalter stärker verbreitet.» Einzige Literaturangabe dazu ist Brühl 1933.

Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte 1954
«Byssus: B. ... ist ein durchsichtiges, ungefärbtes Gewebe von verschiedener, besonders feiner Textur. Die Faser wird aus einer im östlichen Mittelmeerraum wachsenden Pflanze gewonnen. Die Bezeichnung Byssus wird fälschlicherweise oft auf Muschelseide angewendet, eine Seide, die aus dem Bart einer Meeresmuschel hergestellt wird....»

Textil-Lexikon, Glafey 1937

«Byssus, ein leichter, feinfädiger, mit grossen Poren versehener Hemdenstoff. Kette und Schuss ist bester Mako-Baumwollzwirn. .... Byssus oder Muschelseide ist ferner die Bezeichnung für den olivenbraunen, sehr widerstandsfähigen, seidenglänzenden Faserbart einer im Mittelländischen Meer lebenden Steckmuschel. .... "
«Muschelseide. Aus etwa 5 cm langen, glänzenden braunen, seidenartigen Haarbüscheln von im Mittelmeer lebenden Seemuscheln gesponnener Faden.»

Handwörterbuch der Textilkunde aller Zeiten und Völker, Heiden 1904
«Byssus (griech.: byssus), durchschimmernde Gewebe verschiedener Feinheit aus weissen und gelblichen Leinenfäden. Der altorientalische B. hat hinsichtlich der Feinheit verschiedene Arten aufzuweisen. Zu den einfachsten Sorten des B. sind jene feinen Leinengewebe zu zählen, in welche die Mumien Aegyptens und der Pharaonenzeit eingewickelt wurden. Diese Mittelsorte ist aus einem mittelfeinen Handgespinst der Pflanze linum usitatissimum gewonnen, welche in Unter- und Oberägypten mit Sorgfalt angebaut wurde. Die feinste und teuerste Abart des B., die an Wert dem königlichen Purpur gleichstand, wurde aus den zartesten Fäden jener Leinpflanze angefertigt, die nur im Delta Aegyptens wuchs. Diese Sorte des B. war im klassischen Altertum und in den frühesten christlichen Zeiten sehr gesucht und bekannt unter der Bezeichnung 'alexandrinischer Byssus'. Ihm stand an Feinheit und Höhe des Preises der syrische Byssus nahe, welcher in der Nähe von Antiochien wuchs und daselbst unter der Benennung antiochenischer B. gewebt wurde und durch Karawanen meist auf orientalischen Märkten Absatz fand. Der alexandrinische B. fand vorzugsweise als sudarium (suaire) zur Umhüllung des Hauptes hoher Verstorbener Verwendung. Die Zartheit des Gewebes gestattete es, die Züge des Verstorbenen zu erkennnen. Dieser Eigenschaften wegen wurde er auch von hochstehenden Frauen und Matronen als Kopfhülle, überhaupt als leichtes Obergewand (velamen peplon) in Gebrauch genommen. Seiner Zartheit wegen nannte man den B. auch linea nebula oder opus araneum, weil er in seiner Textur wie Nebel oder wie ein leichter Anhauch des Spinngewebes sich darstellte. Die Sitte verbot es aber im Altertum, nur in Byssus zu erscheinen, er blieb ein Privilegium für hochstehende Personen und Würdenträger. Gemusterte Byssusstoffe mit geometrischen Figuren, aus der römischen Cäsarenzeit bis zum Sturze des weströmischen Kaiserreiches, sind nachweisbar. Als Marktplatz der Byssusstoffe nennen die Schriftsteller des Altertums, seit den Tagen der ägyptischen Pharaonen bis auf die Zeiten der Ptolemäer und die Herrschaft der arabischen Kalifen, Alexandrien als Hauptort, desgleichen Antiochien, Damaskus und Palmyra für weniger durchscheinende Gewebe. (Vgl. Bock 1895). Je mehr die Kultur und Industrie nach den Kreuzzügen an Ausdehnung gewannen, auch die indischen und persischen Baumwollstoffe Eingang fanden, desto seltener wurde der Byssus, bis er im 15. Jahrhundert überhaupt nicht mehr erscheint. (Vgl. auch Muschelseide.)»

«Muschelseide, Lana penna, auch Pinna marina (ital.: Bisso, bissus, lana-pesce, pelo di nacchera, pelo d'astura) sind die glänzenden, seidenartigen Fäden mehrerer Gattungen Seemuscheln, wie Kammmuschel, Pecten, Miesmuschel, Mytilus u.s.w., die mit 4-6 cm langen Haarbüscheln (Byssus) im Meere sich an die Felsen ansetzen. Die nützlichste Muschel dieser Gattungen ist die sogen. Steckmuschel oder Schinkenmuschel (Pinna nobilis L.), auch Seidenmuschel, Holstenmuschel und Pistolenholster. Die Fäden werden nach gehöriger Reinigung verarbeitet. Die Anwendung der Steckmuschel für Webereizwecke war schon im Altertum bekannt: besonders zur Herstellung von Reitermänteln; die feinsten Muschelseidengewebe wurden in Indien angefertigt und dann nach Griechenland gebracht; die Araber nannten die Muschelseide Meereswolle.»


Die textilen Byssus-Reliquien des christlichen Abendlandes, aufbewahrt in den Kirchen zu Köln, Aachen, Cornelimünster, Mainz und Prag, Bock 1895
«Es ist also der Byssus des Altertums und des frühen Mittelalters nicht zu den Seidenstoffen, sondern zu den Leinengeweben zu rechnen.»
Kein Wort von Muschelseide.

Dictionnaire encyclopédique et biographique de l'industrie et des arts industriels, Lami & Tharel 1881
«BYSSUS. On désigne sous ce nom, ou encore sous celui de soie de mer, une matière textile..... On estime la production totale annuelle de byssus à environ 200 kg. Les moules, les filaments et les produits de leur mise en oeuvre ont été exposés en 1878.»

Dictionnaire général des tissus anciens et modernes: ouvrage où sont indiquées et classées toutes les espèces de tissus connues jusqu'à ce jour soit en France, soit à l'étranger, notamment dans l'Inde, la Chine, etc., etc., avec l'explication abrégée des moyens de fabrication et l'entente des matières, nature et apprêt, applicables à chaque tissu en particulier, Bezon & Lorrain 1863
«Tissus d'ablaque (ou byssus de pinne-marine): On appelle ablaque dans le langage commercial, le byssus de la pinne-marine (voir pour le byssus des anciens, l'Introduction au Dictionnaire des Tissus, pages XLVIII et XLIX). On désigne sous le nom de byssus une étoffe de filaments qui proviennent de certains mollusques. Celui de la pinne-marine est très long, très fin; son moelleux et son brillant lui donnent une grande ressemblance avec la soie. La pinne-marine est nommée coquille porte-soie par Aristote, qui signalait dans le byssus de ce mollusque une fibre textile.»


Vocabolario degli accademici della Crusca, vol 2, 5° edizione (1863-1923)
BISSO. Sost. masc. Sorta di tela di lino assai fine, e di tessuto rado, che oggidì serve specialmente a fare alcune delle vesti sacerdotali. Dal lat. byssus, e questo dal gr. βύσσος. - Fr. Giord. Pred. S:
Imperocchè di quel lino si fa il bisso, che è panno lino nobilissimo. Sacch. Op. dic. 51: Bisso era la camicia di lino sottilissima. Soder. Cult. Ort. 160: Pausania scrive non nascere il bisso in altra parte che in Elide di Grecia, di tanta sottigliezza che non cede al bisso di Giudea. Baldell. F. Filostr. 132: Dicesi che il bisso vien prodotto da un arbore che è per l'altezza sua pari all'opio, e che ha le foglie che somigliano le foglie del salce.
§ I. E in locuz figurata. - Borgh. S. Tertull. 878: Vestitevi della seta della bontà, del bisso della santità, della porpora dell' onestà.
§ II. Bisso poeticam. dicesi ora per Mussolina finissima o altro simile tessuto. - Crudel. Rim. 67: Biacheggiante di trinoso Bisso sotto verde manto, Lascia il coro strepitoso E il solenne augusto cauto. Parin. Poes. 114: Con lieve Bisso il madido fronte a lui tergendo, E l'aurette agitando, il tardo sonno Inviterai. Fosc. Poes. 168: O quando l'arpa adorni, E co'novelli numeri, E co'molli contorni Delle forme, che facil Bisso seconda.




Baumwolle, Leinen, Muschelseide, Ablaque.... Die Frage, was Byssus denn nun eigentlich ist, wird auch beim Studium von Enzyklopädien nicht geklärt:

Enzyklopädie der Antike, Neuer Pauly, Band 2, 1997
«Byssus (βύσσος). Pflanzliche und tierische Fasern, die zu weitgehend durchsichtigen Gewändern (βύσσινος, βύσσινον) verarbeitet wurden. Dies sind vor allem wohl linum (λίνον, Lein, Flachs), später Samenhaare der Baumwolle … aber auch Fasern von Pilzen und Flechten. Auch die heute noch als B. bezeichneten Haftfasern im Meeresboden festsitzender Muscheln … waren Lieferanten für … Fasern zur Anfertigung von Stricken, Strümpfen oder Handschuhen.»

Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bänden, 17. Aufl., 1967
«Byssus (grch.)
  1. faserförmiges Spinnbündel aus dem Sekret der B.-Drüse vieler Muschelarten, dient den Tieren zur Befestigung am Untergrund, wurde seit dem Altertum als Muschelseide gewonnen und zu durchsichtigem, naturfarbigem Gewebe verarbeitet. Schon griech. und röm. Schriftsteller hielten es für Seide.
  2. Gewebe aus feinen Leinenfäden....
  3. ein feinfädiger Netzhemdenstoff...»

Dizionario della Lingua Italiana von Nicolò Tommaseo und Bernardo Bellini, 1861-1879

BISSO. S. m. Gr. Byssos (gr.). Tela finissima, molle, delicata, che usavano gli antichi. È in Apul. - Franc. Sacch. Op. div. (Mt.) Bisso era la camicia di lino sottilisssima. Fr. Giord. Pred. S. (C) Imperocchè di quel lino si fa il bisso, che è panno lino nobilissimo. Mor. S. Greg. Ch'è per lo cocco e bisso, se non la carità? la quale, acciocchè sia perfetta, conviene che sia tinta due volte. Menz. Sat. 2. (Mt.) Or chi giaceva in bisso, in sterco sieda. Ros. Sut. 3. D'attortigliati bissi il capo avvolto.
2. Per estens. si dice anche, nello stil nobile e poetico, di certe Mussoline finissime d'India, Parin Vesp. in Parin. Op. 1. 167. (Gh.) Con lieve Bisso il madido fronte a lui tergendo.
3. (Zool.) Bisso marino chiamano i naturalisti la Seta del naccherone, che anco dicesi Pelo di nacchera. (Mt.)

Herders Conversations-Lexikon, Band 1, 1854
«Byssus: (byssum)
  1. die feinste weisse Baumwolle der Indier u. Aegypter, aus mehreren Arten des Gossypium gewonnen, der hebräischen u. noch mehr der in Elis und Achaja gewonnenen vorgezogen;
  2. Webestoff, welcher aus den langen, ausnehmend feinen Barthaaren der zum Geschlecht der Ostracea gehörenden See- od. Steckmuschel (pinna marina) gewonnen wurde; auch heut zu Tage verfertigt man aus dieser Muschelseide ausserordentlich feine Gewebe. Im Alterthum bedeutet B. Prachtgewänder, Priesterkleidung und wird in der Bibel stets neben den kostbarsten Zeugen genannt, (fälschlich mit ‚köstlicher Leinwand’ oder ‚weisser Seide’ übersetzt).»


Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft ist der Titel einer der umfangreichsten Enzyklopädien des deutschen Sprachraums. Das von J. G. Krünitz begründete Werk erschien 1773 bis 1858 in 242 Bänden und stellt eine der wichtigsten deutschsprachigen wissenschaftsgeschichtlichen Quellen für die Zeit des Wandels zur Industriegesellschaft dar. Quelle
Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft ist der Titel einer der umfangreichsten Enzyklopädien des deutschen Sprachraums. Das von J. G. Krünitz begründete Werk erschien 1773 bis 1858 in 242 Bänden und stellt eine der wichtigsten deutschsprachigen wissenschaftsgeschichtlichen Quellen für die Zeit des Wandels zur Industriegesellschaft dar. Quelle

Krü
nitz, Oekonomische Encyclopädie, Band 7, 1776

«Byssus, Fr. Bysse, nannten die Alten eine gewisse kostbare Materie, woraus Zeuge zu allerley Kleidungsstücken für die Vornehmen und Reichen, insonderheit auch für die Damen und Priester, gewebt wurden. … Worinn aber die Materie des Byssus eigentlich bestanden habe, das scheint man seit vielen Jahrhunderten nicht mehr zu wissen. Einige nennen sie eine wahre Seide; Andre, eine Seide von der Pinne marine, oder von der Perlenauster; Andre, den schönsten ägyptischen Flachs; Andre, eine sehr feine Baum=Wolle; noch Andre leiten sie aus dem Mineralreich her. Die wahrscheinlichste Meinung ist vieleicht die, welche der Chevalier de Jaucourt in der Encyclopédie [von Diderot und d'Alembert] äussert, daß Byssus ein generischer Name gewesen, womit die Alten allerlei Arten kostbarer Materien zu feinen Kleidungsstücken, bezeichnet hätten.»

Der Begriff Muschelseide taucht im Krünitz erst im 98. Band von 1805 auf, zuerst allgemein unter Muschel, ausführlicher im Kapitel XIV. unter Pinna, Steckmuschel:
«Unten befindet sich ein Bart von schwarzgrünen Haren, welcher der Byssus der Alten ist,» gefolgt von der Anmerkung: «Andere verstehen unter Byssus der Alten die Baumwolle.» Dieser Meinung wird einige Seiten später widersprochen: «… findet man Nachrichten, dass schon die Alten sich dieser Seide [gemeint ist die Muschelseide] zu Kleidungen bedient haben, wiewohl es ausgemacht ist, dass man vordem in Aegypten unter dem Worte Byssus die Baumwolle und nicht diese Seide verstanden habe, denn Julius Pollux [ein griechischer Gelehrter aus dem 2. Jh.] macht uns von dem Byssus und dessen Entstehung eine Beschreibung, welche sich allein auf die Baumwolle, und weder auf den Flachs noch auf die Muschel-, noch auf die andere Seide anwenden lässt.»


Universal-Lexicon, Zedler 1741
«Byssuseine Art sehr reines und zartes Flachses, so in Indien und Egypten wächset, daraus vor Zeiten kostbare Kleider gemacht worden.»
Unter dem Begriff Pinna hingegen wird der Byssus der Muschel so erklärt:
«Diese Seide [also Muschelseide, wird aber noch nicht so genannt!] wird abgenommen, gesponnen und Strümpffe, auch andere dergleichen Kleidungen daraus gemacht.»