Definitionen der Begriffe Byssus und Muschelseide

Der griechische Begriff byssinon auf dem Stein von Rosetta verweist auf die Verwendung von Byssusgeweben im 2. Jahrhundert v. Chr. Anhand dieses Steins, der 1799 in Ägypten gefunden wurde, konnten die ersten Hieroglyhen entschlüsselt werden.
Der griechische Begriff byssinon auf dem Stein von Rosetta verweist auf die Verwendung von Byssusgeweben im 2. Jahrhundert v. Chr. Anhand dieses Steins, der 1799 in Ägypten gefunden wurde, konnten die ersten Hieroglyhen entschlüsselt werden.
Muschelseide ist der gereinigte, gekämmte und für textile Arbeiten verwendete Faserbart der Edlen Steckmuschel (Pinna nobilis L.).

Byssus ist der zoologische Begriff für diesen Faserbart. Der Naturforscher Guillaume Rondelet (1507-1566) ist 1555 der erste, der ihn in diesem Sinn in seinem Buch über die Fische des Meeres - Universae aquatilium historiae - verwendet.

Der lateinische Begriff Byssus hat aber noch eine andere, ältere Bedeutung: Er kommt vom griechischen βύσσος (bissos), geht zurück auf das hebräische Būṣ und bedeutet feines Leinen. Bereits in der Antike – wichtig ist hier vor allem die Bibel - wurde der Begriff erweitert und bezeichnete feine, kostbare Textilien unterschiedlichen Materials.


Aristoteles wird oft als ‚Vater’ der Muschelseide bezeichnet. Grund ist ein immer weiter vermittelter Übersetzungs- oder besser Akzentfehler, der auf das 15. Jahrhundert zurückgeht (van der Feen 1949). Ein folgenreicher Fehler! Aristoteles beschreibt zwar in seiner Geschichte der Tiere die Steckmuschel, die aus der Tiefe (ὁ βυσσός, männlich, Betonung auf der zweiten Silbe) wächst, sagt aber nichts über die Haftfäden, den Byssus (ἡ βύσσος, weiblich, Betonung auf der ersten Silbe). Nichts deutet darauf hin, dass er die Muschelseide kannte (mehr darüber unter Byssus und Byssus).
Rondelet erwähnt 1555 zwei Sorten Byssus: «Byssus terrenus est et marinus», also einer vom Land und einer vom Meer. Somit ist klar, dass die Bezeichnung Byssus für den Faserbart der Steckmuschel (und anderer Bivalvien) auf die Ähnlichkeit mit den bekannten Byssusgeweben der Antike zurückgeht, und nicht umgekehrt. Was auch heisst: Der Begriff Byssus in Texten vor 1500 hat nichts mit Muschelseide zu tun. Obwohl sie in der Antike bereits existierte - aber unter anderen Begriffen.

Da nun aber auch die Muschelseide oft Byssus genannt wird, sind die Probleme vorgegeben. Die Mehrdeutigkeit dieses Begriffs ist ein Grund für viele Missverständnisse und Fehlinterpretationen. Gabriel Vial vom CIETA Lyon analysierte 1983 ein mit Byssus bezeichnetes Gewebe aus dem 8. Jahrhundert - es war Maulbeerseide - und erklärt dazu: «… la confusion était totale entre le lin, la soie, le coton et ce que l’on appelle aujourd’hui du mot Byssus» (siehe dazu auch Maeder 2008, 2010).