Byssus

Fächerförmige Haftstellen der Byssusfaser der Pinna nobilis. REM-Aufnahme EMPA St. Gallen
Fächerförmige Haftstellen der Byssusfaser der Pinna nobilis. REM-Aufnahme EMPA St. Gallen
Der Byssus oder Faserbart ist ein Büschel von feinen, reissfesten Fasern, welche durch die im Fuss der Muschel liegende Byssusdrüse gebildet werden. Die Oberfläche ist glatt, der Durchmesser ist vergleichbar mit anderen tierischen und pflanzlichen Fasern. Im Moment der Faserbildung formt sich der bewegliche, rund 9 cm lange Fuss zu einem Kanal, durch den das in der Byssusdrüse gebildete Eiweiss-Sekret fliesst. Mit der Fussspitze wird das Sekret auf eine geeignete Unterlage – Wurzeln des Seegrases, Sand, Steine – aufgebracht. Im Kontakt mit dem Wasser verhärtet sich das Sekret zur Byssusfaser.

Im Gegensatz zu anderen Bivalvien, wie zum Beispiel der Miesmuschel (Mytilus edulis), haben die Byssusfäden der Edlen Steckmuschel am Ende keine Haftplättchen, sondern fächerförmige Haftstellen.


Steckmuscheln mit Byssus, links Byssusfasern vergrössert mit Haftstellen, unten der Pinnenwächter (Pinnotheres).  Poli 1795
Steckmuscheln mit Byssus, links Byssusfasern vergrössert mit Haftstellen, unten der Pinnenwächter (Pinnotheres).
Poli 1795
Die bis zu 20 cm langen, seidenartigen Fasern glänzen in gereinigtem Zustand in gold-bronzenen bis olivenfarbigen Tönen. Sie bilden das Rohmaterial, aus dem die Muschelseide hergestellt wird.

Erste Untersuchungen des Byssus der Pinna nobilis gehen ins frühe 18. Jahrhundert zurück (de Réaumur 1714). 2002 wurden an der EMPA St.Gallen Untersuchungen an gereinigten Byssusfasern durchgeführt. Weitere folgten 2010. Auch erste Färbversuche mit echtem Purpur sowie mit chemischen Farben wurden unternommen.

Heute weiss man, wie oft in der Natur die Evolution zu intelligenten Lösungen geführt hat. Der Byssus mit seiner enormen Haft- und Dehnfähigkeit im nassen Milieu wird seit vielen Jahren im Hinblick auf Anwendungen im technischen und medizinischen Bereich erforscht. Diese Studien werden jedoch immer mit dem Byssus der Miesmuschel (Mytilus edulis) durchgeführt (Waite 1983, 1987, 2002), nicht mit dem Byssus der Edlen Steckmuschel (Pinna nobilis L.)!


Quellen: Poli 1995, Lavini 1835, Müller 1837, Seydel 1909, Pigorini 1922, Mercer 1972, Montegut 1999, Maeder & Halbeisen 2002a und 2002b, Jaworski 2010